Kairo Die Megacity der Frommen

Normalerweise wäre Ahmed Kobessi jetzt am Strand in Hurghada und würde wie jeden Sommer im Hotel arbeiten. Doch in diesem Jahr fällt der Ramadan in den August, mitten in die Hochsaison. Und weil die dauernde Konfrontation mit Frauen im Bikini nicht ganz zur Idee des Fastens passe, sagt Ahmed, sei er zu Hause geblieben. In Kairo, wo in diesen Wochen der Großteil der 20 Millionen Einwohner gemäß den Weisungen Allahs lebt und vom Aufgang der Sonne bis zum Untergang nicht isst und nicht trinkt - eine Megacity der Frömmigkeit, am Rande der Dehydrierung.

Ahmed ist 22 und trägt eine Schirmmütze über den gegelten Locken. Man sieht ihm an, dass er gerne ful isst, das deftige ägyptische Bohnengericht. Mit seiner Familie wohnt er mitten in der islamischen Altstadt, ganz in der Nähe der Muizz-li-Din-Allah-Straße, die im Mittelalter die Hauptstraße Kairos war. Damals hatte die Stadt schon eine halbe Million Einwohner und war nacheinander Residenz von Fatimiden-Kalifen und Mamelucken-Sultanen, die von hier über riesige Reiche in Nordafrika und Kleinasien herrschten. Heute schieben sich auf der Straße Autos hupend vorbei an Eselkarren. Der Pick-up eines Gashändlers drängt sich durchs Gewühl, auf der Ladefläche zwei junge Männer, die mit Schraubenschlüsseln auf die Propangasflaschen klopfen, um Kunden anzulocken. Auf dem Bürgersteig eine Frau im schwarzen Gewand, die auf ihrem Kopf eine Plastiktüte mit zwanzig Fladenbroten balanciert. Am Nachmittag werden hier Fahrer aus ihren Autos steigen und sich anschreien - der Ramadan- Koller, täglich ab etwa 16 Uhr.

Ahmed ist die Muizz-Straße seit seiner Kindheit entlanggegangen und hat sich immer wieder all die alten Moscheen, Mausoleen und Koranschulen angesehen, die sich hier so dicht aneinanderreihen wie sonst nirgendwo in Kairo. Und ohne all die Altertümer in seiner Nachbarschaft hätte er wahrscheinlich nie angefangen, Geschichte zu studieren. Mit ihm kann man in einer Dreiviertelstunde durch mehrere Jahrhunderte islamischer Kunstgeschichte wandern. Angefangen beim Bab-al-Futuh, dem tausend Jahre alten Tor am nördlichen Ende der Altstadt. Mit Ahmed geht es hinein in Moscheen aus der Fatimidenzeit wie die Al-Hakim mit ihrem wunderbar weiten Innenhof, dessen Bodenplatten die Sonne spiegeln.

Ein paar Hundert Meter weiter haben sich drei Mamelucken-Sultane Wand an Wand ihre Mausoleen gebaut. Die Gebäude sind wuchtiger als die der Fatimiden - und 200 Jahre jünger. Und weil es in der Zwischenzeit in der mittelalterlichen Stadt eng geworden war, sind die Höfe der Grabmoscheen schmaler, dafür recken sich an jeder Seite gewaltige Bögen in die Höhe. Ahmed kennt jedes Detail - das Material der Kacheln, die Höhe der Kuppeln -, und er weiß auch, warum das Mausoleum von Sultan Nasir mit einem gotischen Spitzbogenportal verziert ist: Eine Trophäe aus der Kreuzfahrerstadt Akko, die der Bruder des Sultans 1291 erobert hatte.

Dann läuft Ahmed weiter die Muizz-Straße hinunter, vorbei an Wasserpfeifenhändlern und Andenkenverkäufern, von denen einige im Koran lesen. Schließlich steht er an der Kreuzung mit der Al-Azhar- Straße, der modernen, ständig verstopften Hauptstraße des Viertels. Nach links geht es hinauf zu einem der heiligsten Orte der Stadt: der Hussein- Moschee. Fast hundert Meter ist sie lang, Reihen von Rundbogen tragen ihre Decke. Ein ehrwürdiger Bau, der in diesem Moment aber aussieht wie ein Notaufnahmelager: Hunderte von Männern liegen auf dem Teppichboden und schlafen, alle paar Schritte muss man ausweichen. Vor einem Ventilator liegen zwei Polizisten in weißen Uniformen wie aufgebahrt, die Hände über der Brust gefaltet. Selbst der alte Mann am Eingang, der die Schuhe der Besucher bewachen soll, ist mit dem Oberkörper aufs Pult gesunken. Alle erschöpft vom Fasten oder mehr noch, wie Ahmed erklärt, von der Zeit nach dem abendlichen Fastenbrechen, in der die Leute bis weit nach Mitternacht essen und feiern.

Nur weiter vorn, wo hellgrüne Neonlampen brennen, ist Betrieb: Männer gehen an einem Metallgitter vorbei in einen Nebenraum zu dem silbernen Schrein, in dem der Kopf des Prophetenenkels Hussein aufbewahrt wird. Einer von zweien: Ein anderer, ebenfalls Hussein zugeschrieben, wird in Damaskus verehrt. Nach den reglosen Körpern in der Moschee kommt einem das Geschiebe draußen noch stärker vor: Menschen drängen sich auf dem Bürgersteig, strömen über die Fußgängerbrücke, pressen sich aus Minibussen heraus, hasten aus den Gassen des Chan-al-Chalili- Basars. In manchen Vierteln der Stadt leben mehr als 135000 Einwohner auf einem Quadratkilometer - in Berlin sind es selbst im dichtestbesiedelten Bezirk nur etwa 14 000. Und weil Platz extrem knapp ist in Kairo, ziehen Menschen auch dorthin, wo man sonst nicht wohnt: auf Friedhöfe, wo schon gut 250000 leben. Oder auf die Dächer, so wie Umm Suleiman.

"Kopftuch trugen nur die alten Frauen"

Sie wohnt am südlichen Ende der Muizz-Straße, dicht beim alten Stadttor Bab-az-Zuwaila. Wenn man eines sagen kann über ihre Wohnung, dann das: Der Blick ist fantastisch. Nur ein paar Meter entfernt steigt steil die Kuppel der Muayad-Moschee auf, nach rechts schaut man auf die Minarette der Altstadt - es ist ein bisschen, als wohnte man mitten in Rom neben einer der großen Barockkirchen. Doch ihre Wohnung ist nur ein Schuppen aus Stein, daneben zwei kleine Hütten, die aus Holzabfällen gezimmert sind - die Wände bestehen aus einer alten Tür, einem halben Tisch und Brettern mit abblätternder Farbe. Hier wohnt sie mit Mann, Schwiegermutter und fünf Kindern, das sechste ist unterwegs. Außerdem leben auf dem Dach noch zwei Schafe, zwei Ziegen und acht Enten, die gerade hinter ihr durch die Sonne laufen. Umm Suleiman ist etwa Anfang dreißig. Das Kopftuch trägt sie mit dem Knoten im Nacken, so wie man das macht bei ihr zu Hause auf dem Land in Oberägypten.

Vor neun Jahren sind sie nach Kairo gezogen, erzählt sie, auf dem Land gab es keine Arbeit mehr. Und Al-hamdu li-llah, gelobt sei Gott, kaum dass sie in der Stadt waren, hat ein Bekannter ihrem Mann die Stelle hier als Hauswart vermittelt. Als Lohn dürfen sie mietfrei auf dem Dach wohnen, dazu gibt es noch 700 Ägyptische Pfund, umgerechnet etwa 80 Euro. Nein, zum Leben reicht das nicht. Ihre Söhne haben nur kurz die Schule besucht, die Töchter gar nicht - Schulgeld und Bücher können sie sich auf Dauer nicht leisten. Gelegentlich werden sie von Leuten aus dem Viertel unterstützt, unter anderem von Ahmeds Familie, die auch vor vielen Jahren aus Oberägypten kam, aber mehr Glück hatte. Geld hinzuverdienen konnten sie bis jetzt dadurch, dass sie jedes Jahr zum Opferfest ein paar Schafe und Ziegen verkauften. Dieses Jahr aber zum letzten Mal - die Nachbarn haben sich beim Hausbesitzer immer wieder über den Geruch beschwert. Was für eine Belastung das für Umm Suleiman ist, merkt man erst am Ende des Gesprächs, als man sie nach ihrem größten Wunsch fragt. Sie sagt nicht: eine Etagenwohnung mit Klimaanlage. Oder ein Haus mit Swimmingpool. Nein, am meisten wünscht sie sich eine Wohnung ohne Nachbarn.

Knapp zwei Kilometer entfernt, in einer anderen Welt: eine Zahnarztpraxis in Garden City, einem Wohnviertel mit viel Grün am Ufer des Nils. Doktor Alaa Al-Aswani lässt bitten. Er sitzt in einem tiefblauen OP-Anzug am Schreibtisch vor dem Computer, alle paar Minuten das Plingen, wenn eine neue E-Mail eintrifft. Der Behandlungsstuhl steht weiter hinten, im abgedunkelten Teil des Zimmers. Al-Aswani, 54 Jahre alt, ist nicht nur Zahnarzt, sondern auch einer der bekanntesten arabischen Schriftsteller der Gegenwart. Berühmt wurde er mit dem Roman "Der Jakubijan-Bau", der sich mehr als eine Million Mal verkauft hat. Er erzählt darin die Geschichte der Bewohner eines Kairoer Mietshauses (von denen einige wie Umm Suleiman auf dem Dach wohnen).

Es geht um Themen, über die in Ägypten bis dahin selten offen gesprochen wurde -Korruption, Polizeifolter, Homosexualität -, vor allem aber auch um Downtown Kairo, das europäisch geprägte Stadtzentrum, das im 19. Jahrhundert zwischen Nil und islamischer Altstadt entstand - eine Gegend, die Touristen meist nur kennenlernen, wenn sie auf dem Weg zum Ägyptischen Museum sind. "Es ist die Welt, in der ich aufgewachsen bin", sagt er. Die Welt des ägyptischen Bürgertums, wie sie bis in die siebziger Jahre existiert hat. Leitkultur war das Französische: Man schickte seine Kinder aufs Lycée in Kairo, die Söhne gingen zum Studium nach Paris, die Töchter lernten Piano und spielten Chopin, und die Dame des Hauses ließ sich von den Dienstboten mit "Madame" anreden.

Auch Al-Aswani ging auf die französische Schule, nach dem Unterricht setzte er sich oft in eines der vielen Kinos, die es damals in Downtown noch gab. Oder er besuchte seinen Vater in dessen Anwaltskanzlei, die in der Talaat-Harb-Straße 34 lag - in genau dem Jakubijan-Bau, den der Sohn später zum Schauplatz seines Romans macht. "Damals gab es noch diese typisch ägyptische Art des Islam: liberal und tolerant", sagt er. "Kopftuch trugen nur die alten Frauen, meine Mutter etwa hat es nie getragen." Und in der Schule fragten sie die Lehrer: 'Monsieur, vous êtes croyant' - 'Sind Sie gläubig, mein Herr?' Sagte der Lehrer ja, gratulierte man ihm am höchsten Feiertag seiner Religion - Christen zu Weihnachten, Muslimen zum Zuckerfest. Sagte er nein, bekam er den Glückwunsch eben zum Geburtstag. So einfach war das damals in Ägypten.

Seit Anfang der siebziger Jahre breitet sich im Land eine neue Form des Islam aus: der Wahabismus, eine puritanische Glaubensrichtung aus Saudi- Arabien. Mit Geld aus dem Ölgeschäft finanzieren die Saudis in Ägypten und anderen Ländern Moscheen, in denen ihre Auslegung des Glaubens gepredigt wird. Nach und nach verschwindet die ägyptische Liberalität und damit auch die frankofone Bourgeoisie. Mittlerweile, erzählt Al-Aswani, hat sich in Kairo ein neues, frommes Bürgertum herausgebildet. Die Männer haben oft einige Jahre in den Golfstaaten gearbeitet, sind dort zu Wohlstand gekommen. Man lebt nicht mehr in der inzwischen etwas heruntergekommenen Downtown, sondern in Vororten wie Nasr City. Die Hausherrin lässt sich von Dienstboten nun gern mit "Hadscha" ansprechen, dem Ehrentitel der Mekka-Pilgerinnen. Und Piano lernen die Mädchen schon lange nicht mehr.

Doch die Spuren der alten Bourgeoisie kann man in der Innenstadt noch an vielen Orten finden. Schon in der Nachbarschaft von Al-Aswani entdeckt man Häuser im Bauhaus- oder Art-déco-Stil. Einer der großartigsten Bauten aus dieser Zeit steht im Nordosten der Innenstadt beim Ataba-Platz: das riesige Kaufhaus Tiring. Schon von Weitem sieht man die Kuppel, auf der vier Atlasfiguren eine gläserne Weltkugel tragen. Steinerne Girlanden verzieren die Fassade, Ranken, Pilaster und Amphoren. Ab 1913 versorgte sich hier die Kairoer Oberschicht auf vier Stockwerken mit der neuesten Mode aus Paris und feinem englischen Tuch. Ein solches Gebäude hätte man in jeder westeuropäischen Stadt längst aufwendig restauriert. Hier aber steht es herum wie ein altes Möbel, das man vergessen hat wegzuwerfen und nun weiterbenutzt. Oben bröckeln die Friese, unten haben ein paar Geschäfte ihre Schaufenster buntestmöglich dekoriert. Und aus den Seitenstraßen brandet ein großer Kleidermarkt bis dicht an die Fassade - Frauen mit schwarzen Gesichtsschleiern tasten über Stapel mit Paillettenjeans.

Erahnen lässt sich die Welt des Bürgertums auch auf der Nilinsel mit dem etwas einfallslosen Namen Gezira (arabisch für Insel). Weite Parks und Gärten gibt es hier, Pferdekutschen für Ausflügler und Kaffeehäuser, in denen - wie man hört - nachmittags ältere Herren mit silbernen Zigarettenspitzen sitzen und mitten im Ramadan pâtisseries essen. Und in den Straßen zwischen Tahrir- und Orabi-Platz sieht man überall Wohnpaläste im neobarocken Stil: Die Fassaden grau vom Staub der Jahrzehnte, und im Treppenhaus fahren hinter Eisengittern noch die alten Aufzüge mit Holzkabinen, wie man sie sonst aus Paris kennt.

Ein neuerer Import aus dem Abendland ist die McDonald's-Filiale in der Talaat-Harb-Straße. An einem Abend im Ramadan kann man hier erleben, wie westliche Globalisierung und islamischer Lifestyle zusammentreffen. Es ist kurz vor halb sieben. Alle Plätze sind besetzt mit jungen Frauen und Männern, die auf leere Tische schauen. In den Händen kneten sie Kassenzettel und warten - auf den Sonnenuntergang, wenn der Fastentag endet und die Mitarbeiter die vorbestellten Tabletts bringen. Bis dahin klingt aus den Lautsprechern, aus denen man sonst Kylie Minogue und Madonna hört, glockenhell und gottgefällig Gesang aus dem Koran.

Autor:
Oliver Fischer