Ägypten Die Geheimnisse der Pharaonen

Sie war faszinierend schön, ihr Kopf schaute gebieterisch in edler Haltung. Als der deutsche Archäologe Ludwig Borchard 1912 in Amarna grub, fand er in der Werkstatt eines Hofbildhauers die fast vollendete Büste einer Frau. Wen stellte sie dar? Niemand hatte bis dahin den Namen Nofretete gehört, niemand wusste, dass sie die Frau des Echnaton war. Die heute ebenso bekannte wie von Legenden umwirrte Königin war 3300 Jahre lang vergessen.

14 Jahre zuvor hatte der französische Archäologe Victor Loret im Tal der Könige eine Mumie gefunden, auch sie ungewöhnlich anmutig. Heute ist sie im Ägyptischen Museum unter der Nummer CG 61070 katalogisiert. Der Fund im Grab Amenophis' III., des Vaters von Echnaton, war eigentlich nichts Besonderes. Mumien wurden im 19. Jahrhundert in Massen ans Tageslicht befördert, sie wurden gern zu Medizin zermahlen und beim Afternoon Tea zur Gaudi der Gäste ausgewickelt.

Diese Mumie aber war anders als die anderen: Ihre Schönheit hatte sich über die Jahrtausende erhalten. Sie war völlig nackt und hielt ihre rechte Hand in der typischen Haltung vor die Brust, in der Königinnen mit Zepter dargestellt werden. Wer war sie? Vorläufig nannte man sie die "ältere Dame", und so heißt sie bis heute. Viele Fragen aus 3000 Jahren Geschichte und wenig Antworten aus 200 Jahren Forschung.

100 Jahre vor der Entdeckung der "älteren Dame" soll Napoleon vor den Pyramiden von Giza gestanden und seine Soldaten mit dem Ruf "40 Jahrhunderte schauen auf euch herab!" zu motivieren versucht haben. 200 Jahre danach, im Jahr 2002, fuhr ein kleines, ferngesteuertes und mit einer Kamera ausgestattetes Gerät in einen bis dahin unerforschten Gang der Cheops-Pyramide. TV-Stationen aus aller Welt waren zugeschaltet, Millionen Menschen fieberten mit und erlebten - nichts als die Entdeckung eines Steins, der den Gang verschloss. Das Staunen bleibt und auch die Fragen.

Und was sind schon 100, was 200 Jahre? Ägypten macht durch seine schieren Dimensionen sprachlos, zeitlich und räumlich. 3000 Jahre allein in der dynastischen Zeit, 300 Pharaonen aus 30 Dynastien. Unmöglich, sie alle zu kennen, vermessen, sie verstehen zu wollen. Selbst eine so herausragende Figur wie Amenophis IV., der sich Echnaton nannte, bleibt in vielem rätselhaft, wir wissen nicht einmal, was er in seinen letzten Jahren tat, wo er begraben liegt und was aus seiner Nofretete wurde. Ist sie vielleicht jene "ältere Dame"? Forscher glaubten in der Mumie Teje zu erkennen, Echnatons Mutter, bis sich herausstellte, dass die Dame zwar alt, aber keineswegs "älter" war, sondern mit etwa 30 Jahren gestorben ist. Gewisse Ähnlichkeiten mit Darstellungen der Nofretete sind nicht zu leugnen. Aber Genaues weiß man nicht.

Von etwa 100 ägyptischen Herrschern kennen wir die Gräber, von den anderen zum Teil ihre Geschichten, von etlichen wissen wir gerade, dass sie existiert haben, von vielen wissen wir nichts. Trotz einer Fülle gut lesbarer Papyri und Steininschriften, trotz immenser und gewaltiger Baudenkmäler, trotz 200 Jahren intensiver Forschung: Die Zahl der Fragen wird nicht geringer. Und je größer das Unwissen, desto wilder die Spekulation. Das gilt nicht nur für die Personen, sondern auch für ihre Bauten. So ist die Pyramide des Cheops immer wieder Gegenstand wirrer Theorien. Geheime Kenntnisse kosmischer und mystischer Art sollen hier Stein geworden sein. Dabei sind solche Mirakel gar nicht nötig - der Bau allein ist Wunder genug.

Ramses II: 45 Söhne und 40 Töchter

CHEOPS, von dem außer seinem Grab nicht viel überliefert ist, entsendet um 2604 v. Chr. Vermesser auf das Plateau von Giza. Mithilfe der Sterne legen sie den Norden, Süden, Westen und Osten fest. Jede Seite der Pyramide soll später genau in eine der vier Himmelsrichtungen zeigen. Als die Arbeiten dann beginnen, strömen täglich bis zu 20000 Menschen auf die Baustelle. Manche reisen von weit her an, für sie entsteht neben der Baustelle eine Siedlung. Die Steinblöcke für die Pyramide werden aus Tura und Maasara per Schiff nach Giza geschafft. Um den wertvollen Rosengranit für die Grabkammer zu besorgen, fahren die Boote sogar bis Assuan. Über einen Kanal erreichen sie Giza.

Nach der plausibelsten Theorie wurden die Steinbrocken auf Holzschlitten verladen und über eine Rampe bis an die Pyramide herangeschleift. Je höher die Pyramide wuchs, umso beschwerlicher wurde der Weg. Die Rampe wand sich schließlich wie ein zweites Bauwerk um die Pyramide herum. Ganz oben wurden die Steine vermutlich mit Holzgerüsten und einer Art Flaschenzug in Position gebracht.

Als das Monument nach 20 Jahren Bauzeit fertig ist, liegen 210 Lagen Steinblöcke übereinander. Und im Innern der Pyramide, auf 43 Metern Höhe, verbirgt sich die Grabkammer des Pharaos. Nach seiner Bestattung um 2575 v. Chr. wird der Zugang mit Steinen verschüttet, um sie vor Grabräubern zu schützen. Genutzt hat das wenig, 400 Jahre später plündern erste Räuber die Schätze. Länger währt der Rekord der Pyramide: 4000 Jahre lang ist sie das höchste Bauwerk der Erde. Einer von vielen Rekorden, belegten wie vermuteten. So soll der ausdauerndste Herrscher aller Zeiten 94 Jahre regiert haben, der Pharao Pepi II. in der sechsten Dynastie, vielleicht waren es aber auch "nur" 64.

RAMSES II. wäre dann die Nummer eins. Er stirbt 1213 v. Chr. nach 67 Jahren auf dem Thron, als 80-jähriger Greis. Hinterlassen hat er vermutlich 45 Söhne und 40 Töchter und einen Friedensvertrag, der noch viele Jahre nach seinem Tod Bestand hat, und der als erster der Weltgeschichte gilt. Eine Kopie hängt heute im UNO-Gebäude in New York. Ramses II. war Krieger, Herrscher und Gott. Kurz nachdem er 1279 v. Chr. den Thron bestiegen hat, bringt er den Teil der Levanteküste unter seine Kontrolle, der damals Amurru hieß, Dreh- und Angelpunkt der Handelsrouten von Zentralasien ans Mittelmeer, für jeden König von unschätzbarem Wert.

Jahrelang stand Amurru unter der Herrschaft der Hethiter. Deshalb geben die sich auch nicht kampflos geschlagen. Drei Jahre später greifen sie mit 37000 Mann und 3500 Streitwagen bei Kadesch erneut die Soldaten von Ramses II. an. Bis heute weiß niemand, wie die Schlacht verlief und wer gewann. Der Streit um Amurru hätte womöglich noch Hunderte Jahre angedauert, wenn nicht Ramses II. im Jahr 1259 v.Chr. mit seinem Kontrahenten Hattuschili III. jenen Friedensvertrag ausgehandelt hätte: "Ramses soll niemals das Land Hatti angreifen. Und Hattuschili soll niemals das Land Ägypten angreifen", heißt es darin. Graveure verewigen den Text auf einer Silberplatte, Ramses II. lässt ihn sogar in die Tempel meißeln.

Statt Krieg: Konzentration aufs Bauen

Durch den Friedensvertrag droht nun kein weiterer Krieg - und Ramses II. kann sich aufs Bauen konzentrieren. In Memphis, Theben und seiner neuen Hauptstadt Pi-Ramesse lässt er Tempel errichten und riesige Statuen nach seinem Abbild aufstellen. Allein der Kopf der Granitstatue in Theben wiegt sieben Tonnen. Das größte Monument entsteht in Abu Simbel, wo Architekten einen kompletten Tempel in die Berge hauen. Sein Größenwahn kennt keine Grenzen: 1249 v. Chr., im 31. Jahr seiner Regierung, erklärt sich Ramses II. zum Gott.

War das nötig? War nicht der Pharao schon Kraft seines Amtes ein Gott? Tatsächlich wird der Herrscher stets als Gott bezeichnet, oft auch mit anderen Göttern als ebenbürtig dargestellt. Nur: Götter gab es in gewaltiger Zahl, und viele von ihnen erscheinen uns als wenig himmlisch. Sie waren als Falken, Katzen, Stiere dargestellt - Wesen, die wohl noch aus alten, animistischen Vorstellungen stammten. Sie waren aber auch sehr menschlich, in mythischen Schriften ist immer wieder vom Tod einzelner Götter die Rede, einige wurden demnach gar ermordet. Hunderte Götter entscheiden über das Schicksal der Menschen. Der Pharao jedoch trug den Titel "Netjer nefer", was "vollkommener Gott" bedeutet und darauf hinweist, dass er eben auch unvollkommene Kollegen hatte. Nur einmal gab es den Versuch, in dem unüberschaubaren Pantheon aufzuräumen.

Hatschepsut: Die Frau, die als Mann regierte

Als ECHNATON geboren wird, ist der Himmel über Ägypten dicht besiedelt. Der oberste der göttlichen Schar ist Amun. Wie in der 18. Dynastie seit Generationen üblich, bekommt der Neugeborene deshalb den Namen "Amenophis". Das bedeutet "Amun ist zufrieden" und soll das Wohlwollen der Götter sichern. Als Amenophis IV. 1351 v.Chr. die Herrschaft übernimmt, ist er jedoch kein Verehrer Amuns mehr. Er betet stattdessen Aton an, den Sonnengott. Als eine seiner ersten Amtshandlungen baut er Aton in Karnak einen riesigen, nach oben geöffneten Tempel. So kann die Sonne jeden Winkel des Prachtbaus durchdringen. Die Tempel der anderen ägyptischen Gottheiten lässt er nach und nach schließen und ihre Namen aus den Steinen meißeln. Der Pharao bricht damit offen mit der "Maat", der göttlichen Ordnung. Und das ist noch nicht alles: Er ändert seinen Namen von Amenophis zu "Echnaton", "dem Aton wohlgefällig".

Die alleinige Verehrung des Aton lässt den Pharao als Erfinder des Monotheismus erscheinen. Ganz klar ist das nicht. Wir wissen nicht, wie Echnaton zu den übrigen Göttern des ägyptischen Glaubens stand: Leugnete er ihre Existenz oder bekämpfte er sie? Unbekannt ist auch, was er von dem Gott hielt, der an den Nordgrenzen seines Reiches verehrt wurde: Jahwe, Gott der Juden.

150 Kilometer südlich von Theben lässt Echnaton einen neuen Regierungssitz errichten: Die Stadt Achet-Aton, "der Horizont des Aton". Auch dort ist alles auf die Verehrung Atons ausgerichtet. Die Straßen sind breit wie Boulevards, damit das Licht überallhin gelangt, und auf dem Palast reflektieren Goldverzierungen die Sonnenstrahlen. In dem Palast lebt Echnaton mit seiner großen Liebe, der schönen Nofretete. Die Bilder und Reliefs aus dieser Zeit zeigen das Paar in eng umschlungenen Posen. Es scheint, dass Echnaton selbst seine Bildhauer im neuen Kunststil unterwiesen hat.

Das gilt besonders für die Darstellung des Pharaos selbst. Sein Gesicht ist von befremdlicher Proportion: lang gezogen, mit tief einfallenden Wangen und riesigen, asiatisch wirkenden Schlitzaugen. Sein Körper hat weibliche Rundungen, ein breites Becken und manchmal trägt Echnaton deutlich Brüste. Es wurde darüber spekuliert, dass eine Krankheit Ursache dieser Erscheinung war. Zu erklären wäre dann, warum ausgerechnet bei einer Deformation eine realistische Darstellung bevorzugt wurde. Die Porträts aller anderen Herrscher sind eher idealisiert - und sehen sich daher auch recht ähnlich. Wahrscheinlicher ist auch hier, dass Echnaton diese Darstellung gewollt hat - warum auch immer. Hatte er womöglich die Geschichte der Hatschepsut vor Augen? Sie hatte sich 100 Jahre zuvor von einer Frau in einen Mann verwandelt…

Dunkle Schatten über dem Land des Sonnenanbeters

In den letzten Jahren der Regierungszeit ziehen dunkle Schatten über das Land des Sonnenanbeters. Im Norden bedrohen die Hethiter die Grenzen, im Innern formiert sich unter den Priestern der Widerstand. Und Echnaton zieht sich zurück, oder wie es sich heute darstellt: Er verschwindet einfach aus den Nachrichten. Als er 1334 v. Chr. stirbt, wird die alte Ordnung der Götter schon bald wiederhergestellt. Das Grab des Mannes, der aussah wie eine fremdartige Frau, wurde verwüstet, seine Mumie ist bis heute verschwunden. Echnatons Name verschwindet aus vielen Inschriften und Tempeln.

HATSCHEPSUT erging es ähnlich. In den Reliefs des Tempels von Deir el-Bahri kennt man unscharfe Abbilder eines Pharaos. Die Konturen sind verwischt, die Farbe ist abgeschmirgelt, und an einigen Stellen fehlen ganze Mauerstücke. Offenbar gab jemand den Befehl, alle Zeichen der Herrschaft dieses Pharaos zu löschen. Doch ganz vernichten ließen sich die Reliefs nicht. Und so existiert in Deir el-Bahri der Beweis, dass um 1473 v.Chr. Hatschepsut den Thron bestieg. Sie war der erste weibliche Pharao Ägyptens - und sie gibt den Forschern bis heute Rätsel auf. Wie gelang es einer Frau, rund 20 Jahre lang über Ägypten zu herrschen? Indem sie zum Mann wurde.

Als ihr Ehemann Thutmosis II. um 1479 v. Chr. stirbt, ist sein Sohn Thutmosis III. gerade einmal sechs Jahre alt. Hatschepsut führt fortan - mit Billigung der Priester - das Land und die Geschäfte in seinem Namen. Und in den folgenden Jahren verwandelt sich die Frau an der Spitze Ägyptens immer mehr. Die Bilder und Statuen aus dieser Zeit zeigen sie mit männlichem Habitus, bis sie schließlich sogar den Bart der Pharaonen trägt. Schließlich ändert sie auch ihren Namen, nennt sich nicht mehr Hatschepsut, sondern Maatkare. Um dem Volk und den Priestern ihre Nähe zu den Göttern zu demonstrieren, lässt sie am Westufer von Theben einen terrassenartigen Tempel errichten, ihren Totentempel.

Doch Hatschepsut besitzt nicht nur ein großes Talent für Inszenierungen. Unter ihrer Herrschaft blüht der Handel, und der Wohlstand der Bevölkerung steigt. Sie führt keinen Krieg, stattdessen entsendet sie eine Expedition ans Horn von Afrika, nach Punt. Als die Schiffe 1467 v. Chr. wieder in Theben anlegen, sind sie beladen mit Weihrauch, edlen Hölzern, Gold, Schmuck und Elfenbein. Selbst Affen und Giraffen bringen sie nach Ägypten. Um 1458 v.Chr. stirbt Pharao Maatkare. Wer danach den Befehl gab, die Reliefs von den Wänden des Totentempels zu entfernen, ist bis heute nicht geklärt. Vermutlich war es Thutmosis III.

THUTMOSIS III. lernte schon als Teenager an der Militärakademie von Memphis, wie man ein Heer führt. Als er nach dem Tod seiner Stiefmutter endlich den Thron besteigen darf, kann er es kaum erwarten, mit Ägypten in die Schlacht zu ziehen. Noch im Jahr seiner Krönung schickt er 15000 Soldaten durch Wüsten und über karge Berge. 400 Kilometer legen seine Truppen in drei Wochen zurück. Sein Ziel ist die Stadt Meggido im heutigen Nordisrael, der wichtigste Knotenpunkt aller Handelswege in der Levante. Thutmosis nimmt sie im Handstreich. Die lokalen Fürsten bindet er mit Verträgen an sein Reich: Sie müssen ihm ihren ältesten Sohn und Thronerben als Geisel mit nach Theben geben und regelmäßig Tribute zahlen.

Auf die Schlacht von Meggido folgen viele weitere Feldzüge. Thutmosis III. verbessert ständig Strategien und Waffen. Er setzt neue Kampfwagen ein und lässt Boote bauen, die sich zerlegen und über Land transportieren lassen. In den 32 Jahren seiner Regierung erobert er die gesamte Ostküste des Mittelmeers bis an die Grenzen des Zweistromlandes. Er herrscht über Ober- und Unterägypten, Nubien, Syrien, Phönizien und Kanaan. Nie zuvor beherrschte ein Pharao so lange ein so großes Gebiet. In seinem Weltreich floriert der Handel, aus allen Regionen fließen Steuern nach Theben. Thutmosis III. stirbt 1425 v. Chr. als mächtigster aller Pharaonen.

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Autor:
Hermann Gfellner