Ägypten Der gezähmte Fluss

Von üppiger Statur ist er, wie kein anderer Gott neben ihm; mit mächtigem Bauch und vollen, ja hängenden Brüsten. Die Ägypter huldigen ihm mit hymnischen Gesängen. Kein Zweifel: Hapi, der Nilgott, und der Pharao, sie gebieten gemeinsam über das alljährliche Anschwellen des Flusses, das ihr Land mit Leben flutet. "Ein Geschenk des Nils" sei Ägypten, notiert der griechische Geschichtsschreiber Herodot. In der Tat: Ohne den Nil hätte hier, inmitten einer der trockensten Wüsten der Welt, niemals eine solche Hochkultur entstehen können; mit zentralisiertem Verwaltungsapparat, arbeitsteiliger Gesellschaft, Schrift und Zeitmessung.

Über Jahrhunderte haben sich mit den Fluten Sedimente zu Landrücken angehäuft, die künftige Hochwasser überragen und damit Platz für feste Höfe und Dörfer bieten. Der fruchtbare Schlamm lässt Gerste, Flachs, Bohnen sprießen und macht das antike Ägypten zu einer Exportnation, zur Kornkammer der Mittelmeerregion. Dank der verlässlichen Winde - im Winter flussauf, im Sommer flussab - bietet sich der Nil zugleich als perfekte Transportstraße dar. Dem Kommen und Gehen der Nilflut ist das Leben der Ägypter vollständig unterworfen; selbst ihr Kalender teilt das Jahr in drei Jahreszeiten: "Achet", die Saison der Flut, "Peret", die Wachstumszeit, und "Schemu", die trockene Erntezeit.

Ein solch gewaltiger, Leben spendender Strom, der, anders als alle anderen im Altertum bekannten Flüsse, von Süden nach Norden fließt: was für eine unfassbare, göttliche Macht! Und eine launische obendrein, denn in manchen Jahren bleibt die fruchtbare Flut aus, in anderen reißt sie Menschen und Tiere in den Tod. Ein Volk, das derart auf Gedeih und Verderb den Launen einer höheren Gewalt ausgeliefert ist, in dessen kollektivem Geist keimt keine Rebellion gegen Obrigkeiten, glimmen keine emanzipatorischen Um triebe. Das huldigt ergeben einem Gottkönig, das lässt sich Jahrtausende später fast ein Leben lang von einem korrupten Despoten knechten. Das Volk am Nil, obrigkeitshörig und unendlich folgsam: So verkünden es reihenweise Gelehrte - bis zum 25. Januar 2011, dem ersten Tag der ägyptischen Revolution.

Bis ins Jahr 1971 bleiben Leben und Landwirtschaft der Ägypter dem Schwanken des Nilpegels unterworfen. Dann weiht Staatsoberhaupt Anwar As-Sadat gemeinsam mit Sowjet- Präsident Nikolai Podgorny ein Bauwerk von pharaonischer Dimension ein: "Sadd Al-Ali", auch Assuanstaudamm genannt. 450 Arbeiter haben für ihn ihr Leben gegeben, 150000 Menschen mussten ihre Heimat verlassen, 22 alt ägyptische Tempel mussten an anderer Stelle wieder aufgebaut werden, etliche Dörfer und koptische Kirchen untergehen.

Nicht auszuschließen, dass das 3,6 Kilometer lange Bollwerk, wieder ein paar Jahrtausende später, als ähnlich gewichtiges Monument gelten wird wie die Pyramiden. Übertrieben wäre es nicht, jedenfalls was seine Bedeutung für die Entwicklung des Landes angeht: Moderne Bewässerungssysteme helfen, riesige Flächen für die Landwirtschaft neu zu erschließen, machen mehrere Ernten statt einer einzigen pro Jahr möglich. Der Damm verhindert Hungersnöte infolge von Dürren ebenso wie zerstörerische Hochwasser. Der Damm beherrscht den Fluss, der über all die Jahrtausende das Land beherrschte. Mit ihm emanzipieren sich die Ägypter von den Launen der höheren Gewalt. Ist die These allzu vermessen, der Grundstein für den Assuanstaudamm sei der erste Meilenstein gewesen auf dem Weg zur ägyptischen Revolution 2011?

Großtechnische Fantasie

Freilich hat der Assuanstaudamm längst nicht mit einem Streich die Probleme des Landes gelöst, er hat sogar neue geschaffen. Die fruchtbaren Flächen, die per Bewässerung erschlossen werden, gehen anderswo verloren, weil Städte und Industriegebiete wuchern. Bewässerte Flächen versalzen, der Grundwasserspiegel steigt bedenklich. Seit der Damm mit den Wassermassen auch den fruchtbaren Schlamm zurückhält, muss massiv künstlich gedüngt werden, und während im Stausee die Fischzucht boomt, fangen die Fischer an der Mittelmeerküste weniger, weil der gezähmte Nil weniger Nährstoffe in ihre Gewässer spült.

Kaum irgendwo auf der Welt leben Menschen so dicht gedrängt wie auf dem schmalen, grünen Streifen, den der Nil der Wüste abtrotzt, und die Bevölkerung wächst weiter rasant; die einstige Kornkammer des Mittelmeerraums ist heute einer der größten Weizenimporteure der Erde. Die Verlockung weiterer großtechnischer Fantasien ist entsprechend gewaltig, die größte von ihnen nennt sich Toshka-Projekt und sieht nichts Geringeres vor als die Schaffung eines zweiten Niltals. Eine Pumpstation, noch auf den Namen des inzwischen gestürzten Despoten Mubarak getauft, soll Flusswasser in eine fünfzig Meter höher gelegene Ebene treiben, zwanzig neue Dörfer und Städte mit Wasser versorgen, das fruchtbare Land von fünf auf 25 Prozent der Fläche Ägyptens wachsen lassen.

Experten warnen vor gigantischen Nebenwirkungen, die Länder am Oberlauf des Nil fürchten neue Konflikte um die Verteilung der Wasserressourcen. Doch ob das Projekt jemals in vollem Ausmaß verwirklicht wird, ist ohnehin fraglich: Milliarden sind schon hineingeflossen, die Erträge dafür bislang mickrig; Toshka gilt manchen bereits als größte Investitionsruine des Landes. Und niemand weiß, welche Pläne künftige Regierungen nach dem Sturz Mubaraks für den Umgang mit dem Nil schmieden werden.

Eine Sommernacht 2011 im Zentrum Kairos: Die ausgebrannte Hochhaus-Ruine von Mubaraks Nationaldemokratischer Partei ragt düster in den Nachthimmel, am Nilufer davor drängen sich die Ausflugsboote. "Feluke!", rufen ihre Kapitäne den Flanierenden nach, doch es sind keine verträumten Segelbootchen, sondern Motorschiffe, über und über behängt mit bunt blinkenden Delfinen, Augen, Sternen und "Allah"-Schriftzügen. Aus Lautsprechern scheppern und wummern Schab'bi-Beats, der dreckige Sound der Kairoer Straße, an Deck sitzen junge Paare, Händchen haltend; manche der Frauen tragen Kopftücher und lange schwarze Gewänder, und sie lassen den Blick verstohlen in Richtung des kleinen Schauspiels huschen, das sich da ein Stück weiter abspielt: Am Bug eines der Boote steht barfuss eine junge Frau, vielleicht Anfang zwanzig, schulterfreies Oberteil, wallendes Haar, die Jeans aufgekrempelt; sie schwingt die Hüften zur Musik, lässt die Hände kreisen und dazu die Arme in Zeitlupe aufsteigen.

Ehe das Boot ablegt, tänzelt sie von Deck, über Böschungssteine und alte Reifen, beugt sich hinab und taucht die Hände in den Nil, befeuchtet sich die Unterarme, das Gesicht, die Haare. Sie haben ihn bezwungen, den übermächtigen Nil, sich von seinen Launen emanzipiert. Doch eines wird sein schmutziges Wasser immer bleiben: ihr Lebenselixier.

Autor:
Tobias Zick