Äthiopien Addis Abeba - die neue Blume

Eine tiefschwarze Rauchwolke strömt der Windschutzscheibe unseres Autos entgegen. Als der Ruß verzogen ist, kommt ein blau-weißer, zerbeulter Toyota-Bus zum Vorschein. Aus dem Beifahrerfenster ruft ein Mann "Mercato! Mercato!", woraufhin einige Wartende auf dem Gehweg der Gegenfahrbahn hektisch zu winken beginnen. Der Bus schiebt sich in den Gegenverkehr, die Entgegenkommenden reduzieren ihr Tempo, hupen wild, lassen den Bus aber passieren. Im Wagen dahinter sitzen wir - mit offenen Mündern. Die blau-weißen Sammeltaxen sind die mit Abstand häufigsten Fahrzeuge in Addis Abeba und dominieren das, was die äthiopischen Hauptstädter einen geregelten Verkehr nennen. "Es gibt hier klare Vorschriften", versucht Haile zu beruhigen. Der 50-jährige, der mit uns im Auto sitzt, muss es wissen. Er leitet seit 2005 Touren durch die - mindestens - Drei-Millionen-Metropole.
Afrikanische Gelassenheit, afrikanisches Chaos - Addis Abeba kombiniert beides. Die über 2000 Meter hoch liegende Stadt punktet nur schwer mit Schönheit, entfacht dafür aber an jeder Ecke Faszination, Tiefgang und Staunen. Die ersten, oberflächlichen Eindrücke: Heruntergekommen sind die Fassaden der gesichtslosen Häuser, staubig das Leben auf der Straße. Deshalb feilt die Regierung mächtig am Image. Bis auf wenige Grenzübertritte über Land sind 2012 fast alle der 580.000 Besucher Äthiopiens über den Bole International Airport in Addis Abeba eingereist. Klar, dass man sie zumindest auch ein paar Tage in der Hauptstadt halten möchte, bevor die Touristen in alle Himmelsrichtungen strömen, um die bekannten Schönheiten des Landes zu erkunden: den Sämen-Nationalpark, die Felsenkirchen Lalibelas, den Tanasee. "Wir wollen bis 2020 zu den Top-5-Destinationen in Afrika gehören", formuliert Girma Timer das ambitionierte Ziel des Tourismusministeriums. Dazu gehöre natürlich auch eine attraktive Hauptstadt.

Äthiopiens junge Hauptstadt Addis Abeba

Die Entwicklung der "neuen Blume", so die wörtliche Übersetzung von Addis Abeba, ging rasch voran. Noch vor gut 120 Jahren existierte in der Gegend nur die Königsresidenz des späteren Kaisers Menelik II. auf dem nahe gelegenen Berg Entoto, sie galt als "Hauptstadt" des Reichs. Erst im späten 19. Jahrhundert begann man mit dem Bau der Stadt, weil Meneliks Frau Taytu Betul die Temperaturen auf dem Berg als zu kühl empfand. So ließ sich die Familie 1889 einen neuen Kaiserpalast im Tal errichten, es folgten Banken, Schulen und das erste Krankenhaus. Die Ruinen der alten Bergresidenz stehen aber noch heute.

Auf dem Weg zu Entotos Spitze mit weiten Blicken über Addis Abeba kommen uns Maultiere entgegen. Auf ihren Rücken tragen sie Kuhfladen. Als Brennmaterial genutzt werden diese in die Stadt geschafft. In der Bergluft vermischen sich die Abgase aus dem Tal mit dem bläulichen Dunst der Eukalyptusbäume, die den Berg großflächig bedecken. Auch dafür ist Menelik II. verantwortlich, er ließ die Pflanze einst aus Australien importieren. Der allererste Baum steht noch heute gleich neben dem einstigen Palast, in seinem Schatten wandert eine Wache auf und ab. Kaum zu glauben, dass dieser Komplex einmal königlich war, besteht er doch lediglich aus Holz und Lehm. Das Dach ist mit Reet gedeckt. Drinnen sind Gäste- und Schlafhaus "stumme Zeugen" des einfachen, königlichen Lebens, dass Menelik II. hier einst geführt hat.

Auf dem Weg zurück in die Stadt passieren wir einige Frauen. Sie tragen große Bündel Holz auf dem Rücken, teilweise über 30 Kilo schwer. Da sie das Feuerholz nicht für die Familie nutzen, sondern es auf dem Mercato verkaufen wollen, haben sie noch einen weiten Weg vor sich. Rund zehn Kilometer lang ist der Marsch den Berg hinab zu Afrikas größtem Freiluftmarkt.

Mercato in Addis Abeba
uros ravbar/iStockphoto
Gewürze und andere Dinge des täglichen Gebrauchs gibt es auf dem Mercato.
Mercato: Eine Stadt in der Stadt

Egal ob als Tourist oder als Einheimischer: Der Mercato ist kein Markt, über den man mal eben gemütlich schlendert. Dieser Mikrokosmos ist eine chaotische, unübersichtliche Stadt in der Stadt. Wer auf den großen Stichstraßen bleibt, hat eventuell eine Chance, die Übersicht zu behalten. Doch - so wirkt es für unsere ungeschulten Augen - wer den Pfad verlässt, den wird der Mercato verschlucken. Gnadenlos.

Überall wird gehämmert und gesägt, recycelt und repariert. Ziegen laufen zwischen den Ständen umher, im Schatten eines Pick-ups ruhen sich Maultiere aus. Der Staub der Wege legt sich auf die Haut. Für die Hauptstädter, die hier ein- und ausgehen, ist der Markt Einnahmequelle und Kaffeeklatsch in einem - und für viele auch der Lebensmittelpunkt. Zwischen den Säcken mit Kaffeebohnen und den Frauen, die auf dem Boden Ingwer und Knoblauch verkaufen, machen einige ein Nickerchen. In der Garage des Nachbarn, die bis unter die Decke mit alten Autoreifen vollgestopft ist, trifft man sich zum Mittagessen. Schräg gegenüber haut ein Mann mit einem Hammer auf den Überresten eines Videorekorders herum. Wertvolle Bestandteile sortiert er aus, um sie zu verkaufen.

Genauso läuft es auch mit Plastikflaschen und Metallfässern, mit Schrauben, Haushaltsgeräten und alten Nägeln, die sich in Holzpaletten befinden. Sie werden herausgezogen, gerade gebogen und weiterverkauft. Deshalb heißt es, dass Addis Abeba kein Müllproblem habe, weil hier alles recycelt wird. Wertvoll ist alles, was andere Menschen im Alltag gebrauchen können. "Ein gutes Tagesgeschäft", erklärt Haile, "liegt für einen einfachen Händler bei etwa 50 Birr." Das sind umgerechnet zwei Euro. Und doch wirkt es, als hätten die Menschen in dieser vermeintlichen Unordnung alles, was sie brauchen: ihre Arbeit, ihre Familie, ihr Zuhause. Die Regierung dagegen möchte gerne mit den selbstkreierten Hotspots ihrer Hauptstadt punkten: mit den Jazz-Clubs und Musikschulen, mit Kunstgalerien und natürlich mit Lucy, dem Knochenfund des ältesten Menschen der Welt, ausgestellt in Äthiopiens Nationalmuseum. Womit Addis Abeba aber am meisten überzeugt, ist das, was sich gar nicht kreieren lässt: das Leben.

Und so hat nach mehreren Tagen in Addis Abeba die erste Einschätzung noch immer Bestand: Die Suche nach Schönheit im ursprünglichen Sinn bleibt weitgehend erfolglos, viele Fassaden sind heruntergekommen, der Anblick einiger Schicksale traurig. Doch zwischen, hinter und neben diesen gesichtslosen Häusern lebt es aber gewaltig. Die Souvenirs für Zuhause sind Bilder im Kopf von akribisch arbeitenden Menschen und sorglos spielenden Kindern, von blau-weißen Rußbomben und chaotischen Märkten. Sie bleiben als Erinnerungen im Gedächtnis kleben - wie beim Streifzug durch Addis Abeba der Staub auf der Haut.