Aachen Schätze von ganz unten

"Nein, da werden wir nichts machen", spricht Andreas Schaub ins Telefon, "das geht nach Paragraf 15/16." Und das bedeutet: Die Bauarbeiten können sofort beginnen. Alle Bauanträge im Kreis Aachen, sei es für ein Einkaufszentrum, sei es für eine Garage, gehen über seinen Tisch in der Baubehörde. Sie liegen dort neben einer Pappkiste mit jungsteinzeitlichen Tonscherben und einer anderen mit mittelalterlichen Knochenresten. So etwas ist selten in einer Baubehörde, denn Herr Schaub ist Archäologe. Sein Einspruch kann jedes Bauvorhaben stoppen.

Paragraf 15/16 aber erlaubt den Bau. Wenn bei den Erdarbeiten jedoch irgend etwas zum Vorschein kommt, was von Interesse für die Archäologie sein könnte, dann muss es der Bauherr sofort melden. Aber was sieht schon nach Archäologie aus? Eine Kiste voller Gold? Ein Skelett? Oder doch eher eine römische Ziegelmauer, eine Brandschicht, ein zusammengefallener Brunnenschacht? Oder gar nur eine Bodenvertiefung, die sich bei genauer Hinsicht als Arbeitsplatz eines steinzeitlichen Klingenschlägers entpuppt? All dies kommt in der Aachener Erde vor. Wie soll sich da ein Bauleiter auskennen?

Er kann sich das ganz einfach zeigen lassen, am besten von Andreas Schaub. Der führt seine Mitbürger mit Begeisterung durch Baugruben und Untergründe, und mehr und mehr Aachener teilen seine Emphase. Als 2009 der Elisengarten großflächig aufgegraben wurde und eine fast unübersehbare Fülle von Zeugnissen alter Zeiten freigab, da kamen die Zuschauer in Scharen, Dutzende zuerst, schließlich Hunderte. Bei den letzten Führungen kam es sogar zu Gedränge, eine Dame stürzte in die Altertümer. Schaub hat in der kurzen Zeit seiner Tätigkeit ein enormes Echo für sein Fachgebiet ausgelöst.

Und das will etwas heißen, denn Archäologie in Aachen, das bedeutete lange Zeit Karl, Karl und noch einmal Karl. Der große Charlemagne, Herrscher eines Reiches, das von Dänemark bis bis Spanien reichte. Erzvater Deutschlands und Frankreichs, 748 geboren und 814 hier begraben. Baute seine Pfalz, auf der heute das Rathaus steht und seine Kapelle, in der er auf dem unbequemen Marmorthron saß.

Und davor? Wer lebte hier um 500? Und davor? Ein römisches Lazarett, eine Badeanstalt und ein paar Häuser, nichts Besonderes. In der Archäologie der römischen Rheinprovinzen wird Aachen nur am Rande erwähnt. Und davor? Wie war es hier vor 5000 Jahren? Die Forschungen im Elisengarten beantworteten Fragen aus allen Epochen und dazu einige, die gar nicht gestellt wurden. Von der Großgrabung wird ein archäologisches Fenster bleiben, eine Fläche von rund 20 Quadratmetern, in der sich römische Wasserleitungen und karolingische Fundamente kreuzen, wo mittelalterliche Mauern neben einem runden Stein zu sehen sind, auf dem vor 5000 Jahren ein Jungsteinzeitler saß.

Ein Kurbad für die feinen römischen Herrschaften

Heute wissen wir, dass das Gebiet der heutigen Stadt kontinuierlich besiedelt war, dass Merowinger in römischen Ruinen lebten und vor den Römern sehr wahrscheinlich eisenzeitliche Kelten die heilenden Quellen aufsuchten und vor ihnen Menschen, deren Namen wir nicht mehr kennen. Dass Aachen in römischer Zeit ein Heilbad war, war lang bekannt. Dass es in erster Linie der Genesung kampfunfähiger Soldaten diente, war eine unangefochtene Schlussfolgerung: Die beim Bau der Thermen verwendeten Ziegel trugen Siegel rheinischer Legionen, außerdem war das römische Gesundheitswesen sowieso eine Sache des Militärs: Für die Soldaten gab es Ärzte und Krankenhäuser, Zivilisten bekamen ärztliche Hilfe nur, wenn sie einen Privatarzt bezahlen konnten.

Wieso allerdings ausgerechnet schwefelhaltige heiße Quellen dafür geeignet sein sollten, verletzte Soldaten zu kurieren, fragte sich niemand. Das Aachener Heilwasser ist für Wunden Gift und hilft bei Gicht und Rheuma, die man bei der schlagkräftigen Armee Roms weniger vermuten sollte. Kritischen Betrachtern müsste auch aufgefallen sein, dass sich in den Thermen erhebliche Mengen von Haarnadeln fanden - Hinterlassenschaft von Soldaten oder vielleicht doch von Frauen?

Eine jedenfalls hat hier einen Gruß hinterlassen, der zeigt, dass Aqua granni weit mehr war als ein karges Lazarett im Wald: Julia Tiberina war im zweiten Jahrhundert aus dem nicht gerade nahen Britannien angereist, genas und bedankte sich beim medizinischen Personal, indem sie zwei kleine Tempel stiftete. Und die waren nicht Jupiter geweiht oder dem im ganzen römischen Reich verehrten Mitras, sondern der ägyptischen Göttin Isis und der aus Kleinasien stammenden Kybele. Hatte ihr ein Masseur aus Antiochia Gutes getan, hatte ein Arzt aus Memphis geholfen, war sie deswegen nach Aachen gekommen und nicht ins viel berühmtere britische Aquae sulis, das heutige Bath? Vieles spricht dafür, dass Aachen ein Kurort war, der in der römischen Oberschicht einen Namen hatte, klein, aber fein, eine veritable Stadt. Wo feine Herrschaften flanierten, badeten, sich massieren und bewirten ließen und anschließend ins Theater gingen.

Wenn schon Kurgäste von weither kamen, dann musste man ihnen auch etwas bieten. Und ein Theater war in römischen Zeiten Bühne, Fernseher und Kabarett in einem. Kein Amphitheater, in dem sich Menschen und Tiere gegenseitig abschlachteten, sondern ein steiles Halbrund mit bester Akustik und einer hohen Fassade als Dauerkulisse. Dort ging es zwar auch oft recht deftig zu, manchmal floss auch Blut, aber in verdünnter Form. Ein Unterschied wie zwischen Wrestling und Tatort.

Ein römisches Theater in Aachen: Bis heute gibt es keinen Hinweis auf ein solches Gebäude, aber es gibt einen Verdacht: römische Quader. Große Steinblöcke, die für große, gleichmäßige Gebäude verwendet wurden, als tragende und formgebende Elemente. Die Porta Nigra in Trier ist aus solchen Quadern gebaut, bei Tempeln bilden sie oft einen stufigen Untergrund. Sie liegen in Mengen in der Aachener Erde, viele sind in den Fundamenten der Karlschen Pfalzkapelle verbaut. Selbst die Reliquienschreine, die Otto III. vor 1000 Jahren unter der Kapelle aufstellen ließ, sind mit römischen Quadern abgedeckt.

Zu viele Quader für ein paar Gräber, zu viele auch für einen Tempel, dessen Fundamente man eher überbaut als abgebaut hätte. Aber ein Bauvorhaben gibt es, das nach vielen Quadern geradezu schreit: ein Theater mit seinen regelmäßigen Sitzreihen.

Wenn der Archäologe zum Detektiv wird

Andreas Schaub wird an dieser Stelle vom Wissenschaftler zum Detektiv, er sammelt Indizien und verdichtet die Beweislage. Indiz Nummer eins ist der Keller eines Hauses in der Krämerstraße. Dort findet sich, neben Kartoffeln und Bierkisten, ein veritables Mauerstück aus - natürlich - römischen Quadern. Offenbar ist es nicht wiederverwendet worden, sondern steht dort seit der Antike. Und weiter oben am Markt weist eine solche Kellerwand eine leichte Rundung auf, die es als Teil einer viel größeren Anlage erscheinen lässt.

Zweites Indiz: Mitte des 18. Jahrhunderts wurde die Rathaustreppe erneuert. Schon damals gab es eine Anweisung, eventuelle archäologische Funde zu melden. Der Landesherr war einer der altertumsbegeisterten Adligen seiner Zeit. Und mit Altertum meinten sie immer: Rom. Die Arbeiter berichteten, sie hätten bei der Ausschachtung "eine große Freitreppe aus alter Zeit" vorgefunden. Was kann das gewesen sein?

Hinweis Nummer drei: Zur selben Zeit wurden auch bei der Sanierung des Marktbrunnens große alte Gewölbe gefunden, und das rundet die Indizienkette im wahrsten Sinne des Wortes ab: Die drei genannten Stellen bilden einen perfekten Halbkreis, dessen Mittelachse dem Gefälle des Platzes entspricht. In antiker Zeit betrug der Höhenunterschied auf dem Gelände des heutigen Marktes etwa sechs Meter - ideal zur Anlage eines Theaterhalbrunds. Ein römisches Theater in Aachen - das wäre der endgültige Beweis, dass Aquae granni schon vor 1800 Jahren eine wichtige Stadt war. Nicht so bedeutend wie Trier oder Augsburg, aber sicher, wie Andreas Schaub sagt, "unter den Top ten in Deutschland" und weit mehr als ein Lager kränkelnder Soldaten.

Was läge also näher, als den Markt aufzugraben, einige Häuser und Teile des Rathauses abzubrechen und nachzuschauen, was darunterliegt? Die Genehmigung dafür würde selbst der Stadtarchäologe nicht bekommen, aber das will er natürlich auch gar nicht. Er kann sich auf die Kollegen von der RWTH verlassen: 2009 untersuchten sie das Gelände mit einem Georadar, einer Technik, die der ärztlichen Ultraschalluntersuchung ähnelt. Der Patient wartet noch auf die Ergebnisse, bisher wurde nur bekannt: Da unten ist etwas, was immer es sein mag.

Mag es ein Theater sein oder etwas anderes: Die Geschichte Aachens wird auf jeden Fall reicher und deutlicher erscheinen. Wie mit jedem Detail, das die Domfundamente freigeben, wie mit jedem Rundgang, den der Stadtarchäologe seinen Aachenern bietet, wie mit jedem der "Archäologischen Fenster", durch die man in die Vergangenheit schauen kann.

In Aachen wird die Archäologie nie mehr das sein, was sie einmal war, und auch nicht das, als was sie in vielen Städten noch immer empfunden wird: als ein ärgerliches Hindernis bei der Verwirklichung von Bauvorhaben. Im Gegenteil: Aachen ist durch sie um viele Attraktionen reicher geworden.

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Autor:
Roland Benn