Aachen Eine Wallfahrtsstätte des Pferdesports

Aachen. Für die Pferdefreunde ist das, nein, nicht wie Wimbledon für die Tennisspieler. Eher wie Mekka für die Moslems. Nicht, dass sie sich alle jeden Tag in Richtung Aachen verneigen. Aber dran denken: einmal in Aachen starten. Einmal als Reiter. Einmal als Pferdezüchter dort ein Pferd aus eigener Zucht starten sehen. Oder platziert sein oder gewinnen. Immerhin schaffen das jedes Jahr einige Reiter.

Die Hindernisse beim Springreiten scheinen hier höher als anderswo. Die Begeisterung des Publikums ist größer. Die Aufmerksamkeit in der globalen Pferdeszene ist größer. Wer in Aachen gewonnen hat, bleibt in Erinnerung. Mehr als Goldmedaillengewinner bei olympischen Spielen, mehr noch als Oscar-Gewinner in Hollywood. Und dabei geht es nur um Pferde und um deren Reiter. Und die Hindernisse sind natürlich auch nicht höher als anderswo. Nur gedacht sind sie höher. Und das liegt am Publikum.

Der Pferdesport hat viele Anhänger. Vor allem in Deutschland. Jedes Wochenende treffen sich in deutschen Städten und Dörfern Tausende von Jugendlichen zum Wettkampf auf dem Rücken von Pferden. Zur Dressur, zum Springen, zur Vielseitigkeit. Und meistens besteht das Publikum aus der nahen Verwandtschaft, Eltern, die als "TT" (Turniertrottel) den berittenen Nachwuchs betreuen, sowie aus dem sozialen Umfeld der Reitvereine. Da kommt es vor, dass mehr Reiter und Pferde vertreten sind als Zuschauer. Und selbst auf den großen Turnieren ist die Zahl der Besucher durchaus überschaubar. Doch es gibt einige Ausnahmen: das Spring-und-Dressur-Derby in Hamburg etwa - und eben Aachen.

Das CHIO (Concours Hippique International Officiel) ist das zentrale Ereignis der Kaiserstadt, das Turnier der Aachener Bevölkerung, die praktisch geschlossen am Reitsportfestival teilnimmt. Nur hier ist die Begeisterung bei einem Pferdesport-Event vergleichbar mit der in einem Fußballstadion, natürlich pferdesportmäßig zivilisiert. Um die 40.000 Zuschauer im Stadion begleiten die Springreiter und deren Pferde mit angehaltenem Atem bei ihrer Tour über die Hindernisse, spenden Beifall für Sieger oder Platzierte, geben Trost für die an Triplebarre oder Oxer Gescheiterten.

Schon der Eröffnungsabend mit jeweils einem Partnerland ist eine hippologische Monsterveranstaltung. Die ganze Geschichte der manchmal heiligen, manchmal unheiligen Allianz zwischen Mensch und Pferd wird hier rekapituliert. Massenaufmärsche von Kavallerie, Dressurquadrillen, Pony- und Großpferde-Kutschen, Renn- und Vielseitigkeitspferden, Polizeireitern und Voltigierern des Gastlandes geben einen Eindruck von Gegenwart und Geschichte des Reitsports. Und auch Politik und Gesellschaft sind mit von der Partie. Es ist Dienstag, der Abend der Medien. Das "Silberne Pferd" wird verliehen für herausragende Berichterstattung über den Reitsport. Kanzlerin und Minister sind da, die Begum, der Printenkönig von Aachen in Begleitung diverser Starlets, ZDF und WDR, natürlich die Gesellschaft von Rhein und Ruhr. Und alles, was in der Reitsportszene Rang, Namen und Medaillen hat. Ein meet and greet der Pferdebegeisterten, wie man es kaum irgendwo sonst auf der Welt findet.

350.000 Zuschauer verfolgen an den zehn Turniertagen die Wettkämpfe. Es ist - nach Zuschauerzahlen - nicht nur die größte regelmäßige Reitsportveranstaltung Deutschlands, es ist, gemessen an der Zahl zahlender Besucher, die größte Veranstaltung in Deutschland überhaupt. Nur wenn der Papst nach Köln kommt, sind mehr Besucher dort - aber die bezahlen auch keinen Eintritt.

Millioneninvestitionen in Flutlicht

Mehr als 500 Journalisten berichten aus der Soers, diesem ländlichen Randbereich der Stadt Aachen. Rund 340 Stunden werden Fernsehbilder in alle Welt übertragen. Sogar zur Primetime im deutschen Fernsehen. Die Weltmeisterschaften, die 2006 in Aachen stattfanden, brachten den Durchbruch. In zäher Verhandlungsarbeit brachte Michael Mronz, Geschäftsführer der Aachener Reitturnier GmbH, ARD und ZDF dazu, Sendezeit am Abend für den Nationenpreis der Springreiter freizuräumen. Als das geschafft war, überraschte er das Präsidium des Turniers mit dieser guten Nachricht.

Die schlechte Nachricht war: Es gab kein Flutlicht auf dem großen Turnierplatz. Also musste nachgerüstet werden. Das kostete Millionen. Aber es war eine Investition in die Zukunft. Fernsehen ist Abendprogramm. Und wenn der Reitsport im Wettstreit mit Fußball auch nur ansatzweise mithalten will, müssen seine Höhepunkte in der Primetime des Fernsehens gezeigt werden.

Das Turnier wächst und wächst. Über 1,5 Millionen Euro beträgt die Gesamtsumme des Preisgeldes. Doch trotz aller Investitionen "wollen wir ein Volksfest bleiben", verspricht Klaus Pavel, Präsident des Aachen-Laurensberger Rennvereins. "Ein Ort, an dem sich Zuschauer und Sportler wohlfühlen. Wo phantastischer Sport zu erleben ist und man alte Bekannte auf dem Turniergelände trifft."

So trifft sich jedes Jahr in Aachen die gesamte Spitze des Pferdesports der Welt. Rund 500 Pferde und 300 Sportler aus über 20 Nationen gehen an den Start - in fünf Disziplinen: Springen, Dressur, Vielseitigkeit, Fahren und Voltigieren. Und dazu natürlich alle has been der Vergangenheit, die Stars der Reiterei, die heute von Hans Günter Winkler bis Paul Schockemöhle hinter den Kulissen präsent sind. Ein Familientreffen, auf dem nicht nur Freundlichkeiten ausgetauscht werden, sondern auch knallharte Geschäfte gemacht werden. Denn die meisten Reiter der Gegenwart und Vergangenheit sind nicht nur Sportler, sie sind auch Pferdehändler.

Während von der Teilnehmertribüne aus die halsbrecherischen Sprünge über 1,60 Meter hohe Hindernisse beobachtet werden, diskutiert man über neue "Kracher", Superpferde, die frisch im Sport aufgetaucht sind, über die Auswahl der Teams für Olympia, neue Dopingfälle oder die umstrittenen Trainingsmethoden der holländischen Dressurreiter. "Ein Reiter ohne Pferd ist nur ein Mensch", hat der berühmteste Pferdesport-Journalist und Kommentator Hans-Heinrich Isenbart gesagt. "Ein Pferd dagegen bleibt immer ein Pferd." Vor allem, wenn es einmal in Aachen gestartet ist.

Und am Ende ist es am schönsten. Wenn der Große Preis von Aachen gewonnen ist, die Freude unbeschreiblich und die Enttäuschung ungeheuer, dann schlägt die ganz große Stunde des Publikums. Und wer bis dahin ausgehalten hat, dem kommen - sofern er nah am Wassergraben gebaut ist - leicht die Tränen. Dann ziehen die Nationen noch einmal durch das Stadion, alle miteinander, Gewinner und Verlierer auf ihren Pferden.

Und das Publikum winkt tausendfach mit weißen Taschentüchern. Abschied von Aachen. Bis zum nächsten Jahr. Und auch dann wird es wahrscheinlich wieder regnen. Wie fast jedes Mal, wenn in der Soers die Reiter und die Pferde darum kämpfen, die besten zu sein.

CHIO Aachen 2010
Termin: 9.-18. Juli
Ticketpreise je nach Disziplin, Steh- oder Sitzplatz 6 bis 135 €, Dauerkarte 63 bis 235 €
Tickethotline: 0241 917 1111

Quelle:
Autor:
Stefan Aust