Dreiländereck Drei Länder, drei Etappen - ein Rad

Deutschland: Wo der Radler sich Milch auf der Wiese zapft

1. Etappe Aachen-Raeren-Eupen

"Ist doch herrlich hier, oder?", sagt Karl zu Erhard. Da sitzen sie in ihren Trainingsanzügen auf der Bank an der alten Vennbahntrasse, die heute ein Radweg ist, Morgensonne im Gesicht, satte Wiesen im Rücken, rechts und links lehnen ihre Fahrräder. Haushohe Hecken halten den Wind ab. "Wir warten auf Willi", sagt Karl, "aber der braucht etwas länger mit seiner Prothese." Freund Willi ist auch schon um die 80 Jahre alt, und die drei treffen sich jeden Morgen auf dieser Bank, ein paar Kilometer südlich von Aachen. "Wir haben uns hier kennengelernt", meint Erhard, "und jetzt sind wir jeden Tag hier. Radeln hält uns fit."

Mein Blick schweift über die Landschaft. Dorthin, wo Deutschland, Belgien und die Niederlande zusammenfinden im Dreiländereck südwestlich von Aachen. Wo die Menschen deutsch, niederländisch und französisch reden und wo das kaum etwas mit den Landesgrenzen zu tun hat. Auf und ab rollen die wiesenfetten Hügel, Vögel zwitschern, Bäume ragen in den blauweißen Himmel. Schon die Kilometer auf der ehemaligen Bahntrasse vergingen wie im Flug, aber als ich Karl und Erhard hinter mir lasse, rase ich das letzte Stück des Vennbahnradwegs hinunter nach Kornelimünster. Klar, hinterher muss ich wieder nach oben, aber zuerst hole ich mir einen Kaffee im Bäckerladen von Frau Shahbazi, hocke mich auf den gepflasterten Marktplatz. Morgenruhe liegt über der ehemaligen Benediktinerabtei und den wettergegerbten Häusern aus Naturstein. Efeu und Stockrosen ranken sich empor. Ein Falke flüchtet von der Kirche am Platz, und die älteren Herren grüßen freundlich, wenn sie sich die Zeitung holen.

Bauernland umfängt mich, als ich wieder oben bin. Schnurgerade wellt sich die Schotterpiste in Richtung Raeren. Die Wiesen fallen ab und geben den Blick frei auf ewigen Himmel und grünschwarzen Wald. Hinter den flechtenbewachsenen Betonpyramiden des Westwalls, des Verteidigungsbollwerks des Nazi-Reichs, reihen sich Bauernhöfe aneinander. Einer davon gehört Familie Kronenberg, und die ist in eine neue Zeit aufgebrochen. Unter einem Holzdach haben die Milchbauern einen stahlblitzenden Automaten aufgestellt: Milch zum Selberzapfen. Radler tanken hier auf, Autofahrer machen einen Abstecher. "Es läuft gut", sagt Frau Kronenberg, und dann zeigt ihr Finger geradeaus. "Da hinten ist schon Belgien, aber das merken Sie gar nicht."

Kein Schild, kein Stein markiert die Grenze. Nur an den Nummernschildern der Autos merke ich, dass ich in Belgien bin. Über geflickten Asphalt rumpele ich nach Raeren. Schweiß perlt auf meiner Stirn, als ich in den Ort hineinrolle. Kinder spielen hier in den Straßenbäumen und zanken sich dabei auf Deutsch. Ja, auf Deutsch, denn Raeren liegt im deutschsprachigen Teil Belgiens. Fast die Hälfte der Einwohner sind Deutsche, die Häuser sind billiger als jenseits der Grenze, und mancher zieht hierher, weil das Leben etwas lockerer, leichtgängiger sein soll als in Deutschland.

Das Radfahren allerdings nicht. Wieder liegt ein Berg vor mir. "Wir können die Hügel ja nicht tieferlegen", meint ein Spaziergänger am Wegrand. Bald schließt mich dichter Wald ein. Oben ein Wegkreuz, ein Schild fordert dreisprachig, dass Hunde an der Leine zu führen seien. Farn und Fingerhut wedeln im leichten Wind. Tief sauge ich den Nadelwaldduft ein.

Eine halbe Stunde später bin ich in der Hauptstadt Ostbelgiens - wobei Eupen nicht gerade wie eine Metropole aussieht. Nur 18.000 Einwohner verteilen sich auf diversen Hügeln, Katzen putzen sich auf den Dächern der Backsteinhäuser, auf dem Marktplatz schlecken Omas Eis unter mächtigen Linden. Eupen ist Sitz der autonomen Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens. "Ein Ministerpräsident, drei Minister und hunderte Angestellte", stöhnt Herbert Thierron, Eupener von Geburt, "ob das wirklich nötig ist?" Er führt mich durch die Einkaufsstraße, vorbei an den trutzig-verzierten Backsteinresidenzen der Tuchhändler. Sie haben Eupen einst reich gemacht, heute residieren dort die Politiker. "Na ja", meint Thierron, "die haben wenigstens das Geld, um die Häuser in Schuss zu halten."

Belgien: Der Grenzposten ist längst Kulturzentrum

2. Etappe Eupen-"Köpfchen"-Göhltal-Sippenaeken-Epen

Als ich am nächsten Morgen aufbreche, flattert mein Schatten mit mir über das Hochplateau, auf einem Schotterweg mitten durch Maisfelder und Wiesen. Grenzenlos ist die Weite, eine Staubfahne steigt hinter mir auf. Der Rückenwind schiebt mich bis Rabotrath. Drei Bauernhöfe in einer Senke, ein Schild: Vorsicht Gänse! Mittendrin eine Kapelle für den heiligen Quirinus. Eine Marmorplatte trägt eine deutsche Inschrift: "Er wird verehrt von allen Landwirten und angerufen bei allen Hautleiden."

Ich fahre Richtung Osten, hin zur belgisch-deutschen Grenze, zum Grenzübergang "Köpfchen", nur sechs Kilometer entfernt vom Aachener Dom. Noch immer steht das gläserne Kabuff der belgischen Grenzer auf der Straße, doch der Grenzpunkt ist zum Verbindungsglied geworden. KuKuK - Kunst und Kultur im Köpfchen, so heißt der Verein, der sich den Kontrollposten gesichert hat. Deutsche und Belgier machen gemeinsam Kunst, veranstalten Vorträge zum Thema "Belgien verstehen" und ziehen damit die Grenzgänger von hüben und drüben an diesen Punkt, der sie einst trennte. "Hier kann man Geschichte erleben", meint Michael Zobel von KuKuK, der auch Naturführer ist. Er zeigt seinen Gästen die Zyklopensteine im Wald, leitet sie über die mittelalterlichen Hohlwege, durch Schützengräben und Bombentrichter des Zweiten Weltkriegs, erzählt von den Kaffeeschmugglern (siehe Seite 134). Zobel, in Aachen geboren, lebt seit Jahrzehnten im belgischen Grenzland, kam wie so viele als Student herüber und nistete sich in einem alten Bauernhof ein. "Man lebt hier zusammen", meint Zobel, "das ist doch längst eine gemischte Bevölkerung."

Wie soll man das auch trennen? Ich fahre wieder nach Westen, vorbei an einem Haus, das auf belgischem Boden steht. Der Garten jedoch liegt schon in Deutschland. Und als ich in Kelmis ankomme, wird die Sache vollends verwirrend, denn zwischen 1816 und 1919 existierte rund um Kelmis das Territorium "Neutral-Moresnet". Das Dreiländereck war lange ein Vierländereck. Als Napoleon vertrieben war, konnten sich Niederländer und Preußen nicht auf den Grenzverlauf einigen, wollten doch beide den Zinkspat unter dem Kelmiser Boden abbauen. Da blieb nur Neutralität unter gemeinsamer Verwaltung. Aus dem Kaff Kelmis wurde eine Kleinstadt mit 80 Kneipen und Bordellen, zwei Casinos und einem regen Alkoholschmuggel. So lange, bis die Weltgeschichte diese Episode beendete.

Hinter Kelmis rausche ich hinab ins Tal der Göhl und folge dem Fluss auf schwarzem Mergel. Der einsetzende Regen tränkt die struppigen Wiesen und scheucht die Kühe aneinander. Ich tauche unter dem Göhltalviadukt, einer mehr als tausend Meter langen Eisenbahnbrücke, hindurch nach Moresnet, wo die Bauern in ihren Regenjacken schon französisch sprechen und die Göhl Gueule schreiben - schließlich kreuze ich einen Zipfel der Wallonie. Rechts ab auf einen gelbschlammigen Weg, und ich schlingere auf der ehemaligen Grenze von Neutral-Moresnet entlang, unter tropfenden Schwarzbuchen an graugrünen Felsen vorbei. Rechts gurgelt die Gueule, links donnere ich fast gegen einen alten Grenzstein. Noch einmal bergauf, dann bin ich in Sippenaeken. Liegt noch in Wallonien, klingt aber niederländisch, und die Gueule wird alsbald Geul buchstabiert.

Zeit für einen Kaffee in der Auberge Le Barbeau, vielleicht macht der den Kopf wieder klar. Dort nimmt mich Ivo Loop im Empfang. "Das ist ein ganz schönes Chaos hier", sagt der Wirt, "aber gerade das ist wundervoll." Ivo ist das Dreiländereck in Person. Die Niederlande fangen gleich hinter Sippenaeken an - im nahen Dörfchen Mechelen ist er geboren und aufgewachsen. Seit 14 Jahren lebt er in Belgien, hat hier seine Kneipe. Sie trägt einen französischen Namen, aber die Speisekarte ist auf Niederländisch geschrieben. "Meine Gäste wissen oft gar nicht, in welchem Land sie sind", sagt Ivo Loop. "Sie wissen dann auch nicht, in welcher Sprache sie mit mir reden sollen. Aber das ist egal, denn ich spreche alles." Für Loop ist diese Gegend das Zentrum Europas. "Wo sonst findet man eine solche Vielfalt?"

Ich mache mich wieder auf den Weg, genieße nach allen Steigungen der letzten beiden Tage die sanften Wellen des lieblichen Flusstals, bewundere seine pilzköpfigen Büsche und die silbrig glänzenden Bäume. Über mir tobt der Himmel grau und dräuend, und unvermittelt erreiche ich Epen. In den Niederlanden. Natürlich ohne dass mir eine Grenze aufgefallen wäre.

Niederlande: Wein aus den höchsten Lagen der Nation

3. Etappe Epen-Simpelfeld-Kerkrade-Aachen

"Berg und Tal", "Berghof" und "Alpensicht" heißen die Hotels in und um Epen. Für die Niederländer ist diese Gegend, Südlimburg, die höchstgelegene ihres Landes. Deshalb fallen sie in Scharen ein, und so mache ich mich früh davon. Auf einem Höhenzug taucht hinter mannshohem Mais ein Hang mit Weinreben auf. Wein in den Niederlanden? Für Gertje Hahn und Wolfgang Kraus ist das kein Wunder. "Wir profitieren vom warmen Rheingrabenklima", meint der frühere Pilot, "auf unserem Westhang haben wir den ganzen Tag Sonne. Das reicht dicke." Gertje ist Niederländerin, Wolfgang Deutscher, die beiden haben sich hier niedergelassen auf 186 Metern Höhe. Frühburgunder, Weißburgunder, Chardonnay - die Weinstöcke für ihren halben Hektar Hang stammen aus Luxemburg. Gertje hat Rosen vor die Reihen gepflanzt und schnippelt überschüssige Trauben weg, Wolfgang keltert in einem Nebengelass. "Wenn wir mal Zeit haben, schauen wir von der Veranda ins Tal", sagt Gertje, "dieses Land entspannt ungemein."

Ich spüre, was sie meinen, als ich weiter nordwärts radle. Auf einem Kiesweg rausche ich an der Geul entlang. Schwer hängen Beeren an den Holunderbüschen, Himbeeren leuchten rosa. Bei Gulpen schlägt ein Mann Haselnüsse von den Bäumen. Gut für das Blut seien die, er zehre den ganzen Winter davon. Je weiter ich gen Osten fahre, desto einsamer wird das Land. Hinter Getreidefeldern, Rüben und Mais rolle ich in Elkenrade ein. Sonnenblumen in verwilderten Gärten, blökende Schafe, 120 Einwohner in Feldsteinhäusern. "Viele polnische Ehefrauen", grinst ein Mann mit Hund. "Kein Wunder, hier in Elkenrade lernt man ja kaum jemanden kennen."

Weiter nach Osten, nach Simpelveld. Fauchend schiebt sich eine schwarze Dampflok der Südlimburgischen Dampfeisenbahngesellschaft in den historischen Bahnhof, aus den fast 80 Jahre alten Waggons winken die Fahrgäste. Auf dem Bahnsteig wartet Sigi Lang auf seinen Einsatz im Buffetwagen der ehrenamtlich betriebenen "Miljoenenlijn". Früher verkehrten Kohlenzüge zwischen Schaesberg und Simpelveld, rollten weiter nach Aachen oder Maastricht. Heute pendeln Touristen zwischen Valkenburg und Kerkrade. "Dampfbahn-Nostalgie ist einfach schön", sagt Lang. Aber Kohlenschippen, nein, das sei nichts für ihn. Dann schiebt er los, einen Apfelkuchen unterm Arm.

Der Himmel zieht sich zu, ich fahre schneller, schließlich will ich noch nach Kerkrade. Dorthin, wo die niederländische Stadt zusammenstößt mit dem deutschen Herzogenrath - an die Nieuwstraat, die bei den Deutschen Neustraße heißt. Sie sieht ganz normal aus, diese Straße. Nur auf den dritten Blick ist zu erkennen, dass hier eine Staatsgrenze verläuft. Vor den Wohnhäusern links die gelben Nummernschilder der Niederländer, rechts die weißen der Deutschen. Mai Becholz erinnert sich gut an den mannshohen Drahtzaun, der bis in die fünfziger Jahre mitten auf der Straße stand. "Da haben wir Löcher hineingeschnitten", sagt der Bergmann, der seit 1952 auf der niederländischen Seite wohnt. Bis vor 17 Jahren trennte dann ein kniehohes Mäuerchen die beiden Seiten. "Wir sind immer drübergesprungen", lacht Mai, "da konnten die Zöllner pfeifen, wie sie wollten." Auch bei Fußballspielen zwischen den beiden Nationen sei es hoch hergegangen auf der Nieuwstraat. Und heute? Kerkrade und Herzogenrath sind verschmolzen. Wo einst das Mäuerchen stand, sieht man nicht mehr. Feuerwehr und Notarzt fahren ganz selbstverständlich über die Grenze, und den Menschen auf Wohnungssuche ist ohnehin piepegal, in welchem Land sie sind. "Ich erkenne gar nicht mehr, wer woher kommt", sagt Mai Becholz, "das ist doch prima."

Ich kehre der Grenze den Rücken, für die letzten Kilometer südwärts nach Aachen. Im Abendlicht passiere ich ein altes Zollhaus. Bunte Bilder hängen in den Fenstern, im Garten liegt Spielzeug. Aus dem Zollhaus ist ein Kindergarten geworden. Gut möglich, dass die Kinder gar nicht wissen, was eine Grenze ist.

Service-Übersicht: Drei Tage mit dem Rad durchs Grenzland

Route
Die Ausschilderung der Orte ist etwas chaotisch. Wer falsch abbiegt, muss oft wieder einen Berg hoch. Deshalb Zeitpuffer einbauen!

Unterkunft

Western Ambassador
Modernes Einrichtung, gutes Frühstück. Die Zimmer nach hinten bieten einen schönen Blick auf den Fluss.
(B 5/6) Eupen, Haasstraße 77-81
Tel. 0032 87 740800
EZ ab 98 €

Hotel Herberg De Smidse
Hübsch gelegen, Ausblick über die Wiesen der Göhl. Einfache Zimmer, üppiges Frühstück.
Epen, Molenweg 9
Tel. 0031 43 4551253

EZ 61 €

Essen & Trinken

De Wingbergermolen
Rustikal in einer Mühle an der Göhl. Deftiges Essen, große Bierauswahl.
Epen, Terpoorterweg 4

Auberge Le Barbeau
Eine Kneipe wie aus dem Bilderbuch. Viel Patina, gute Stimmung. Mit Terrasse und Garten.
Sippenaeken, Place St. Lambert 6-7

Restaurant 5.0
Anspruchsvolle Küche über den Dächern der Stadt. Chices Interieur.
Heerlen, Bongerd 18

Sehenswert

KuKuK Kunst und Kultur im Köpfchen
Der Kunstverein im ehemaligen Zollhaus an der deutsch-belgischen Grenze zeigt Ausstellungen und Filme, veranstaltet Konzerte, Lesungen und Wanderungen.
Raeren, Aachener Straße 261a

Göhltalmuseum
Das Heimatmuseum zeigt die Geschichte von Neutral-Moresnet, dem einst von Preußen, Belgien und den Niederlanden gemeinsam verwalteten Bergbaugebiet.
Kelmis, Maxstr. 9
Di, Mi, Fr 8-12, Mi auch 14-16.30
Sa/So 14-18 Uhr

Quelle:
Autor:
Christian Sywottek