Aachen Die Zukunft eines Leuchtturms

Es fällt schwer, den Blick vom Fußwerk des Günther Schuh abzuwenden. Nomen est omen. Es glänzt und blitzt, als ginge es gleich damit auf eine Konzertbühne. Ein Player ist der sportliche Zwei-Meter-Mann durchaus: als Maschinenbau- und Wirtschaftsingenieur, als Professor für Produktionssystematik, als Direktoriumsmitglied eines Instituts für Industriekommunikation und Fachmedien.

Auch als Konrektor der RWTH, der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule, beherrscht Schuh den großen Auftritt. Er gehört zu den "Treibern", die die Universität in einer bundesweiten Exzellenzinitiative zu einem handverlesenen Sieger machten. Mit ihrem Teil des Gesamtbudgets von 1,9 Milliarden Euro soll sie ein "Leuchtturm" der Wissenschaft werden.

Sie leuchtet bereits: In akademischen Rankings erreicht die RWTH regelmäßig einen vorderen Platz in den Ingenieurwissenschaften. Sie ist auch in der Wirtschaft hoch geschätzt: Die Personalchefs der 500 größten deutschen Unternehmen wählten 2009 die Aachener Hochschule in den Disziplinen Elektrotechnik, Informatik, Maschinenbau, Naturwissenschaften und Wirtschaftsingenieurwesen auf den ersten Platz.

Auch international möchten die Aachener bei den ganz Großen mitspielen und haben deshalb bei der Exzellenzinitiative vor allem mit ihrem Zukunftskonzept gepunktet: "Meeting Global Challenges", globale Herausforderungen annehmen.

Die Ziele sind nicht gerade bescheiden: Silicon Valley, die intelligente Vernetzung kreativer und produktiver Inseln auf konzentriertem Raum, sei das Vorbild, sagt Schuh. Und vom MIT, der berühmten Bostoner Technologieschmiede, habe er sich abgeschaut, wie man Wissen und vor allem Expertise verkaufe, denn die Nützlichkeit des akademischen Handelns, so das Credo der RWTH, steht hier an erster Stelle.

Anpacken bedeutet im dritten Jahrtausend allerdings etwas anderes, als den Schraubenschlüssel zur Hand zu nehmen. Vorbei die Zeiten, als die Maschinenbauer karierte Holzfällerhemden unter grauen Kitteln trugen und die Elektrotechniker altmodische Brillen. Und auch wenn das Ambiente der Labors und Maschinenhallen immer noch Erfindergeist versprüht und so aussieht, als könnte hier jederzeit etwas in die Luft fliegen, liegen die Risiken der täglichen Arbeit ganz woanders. Change Management ist das wichtigste Geschäft von Professor Schuh. "Wie richtet man die Forschung aus?", fragt er - als Technische Hochschule, deren Arbeit vom demand pull, der Nachfrage durch die Industrie und nicht zuletzt ihren Drittmitteln in besonderem Maße abhängig sei. Die aber doch auch den technology push leisten müsse, die Entwicklung ganz neuer Konzepte, ohne die dieselbe Industrie irgendwann dem Untergang preisgegeben wäre. "Das geht nur", beantwortet Schuh seine eigene Frage, "indem wir die Grundlagenforschung in den Naturwissenschaften ausbauen."

"Dieses Wissen können andere Länder nicht einfach kopieren"

Auf einem Blatt Papier skizziert er mit zwei Kreisen, was er meint: "Wir dürfen Technologien nicht nur intelligent anwenden ..." (ein Kreis symbolisiert die Ingenieurwissenschaften), "wir müssen immer auch verstehen, was ihre Grundlagen sind!" Der zweite, kleinere Kreis für die Naturwissenschaften an der RWTH wird mit Schwung vergrößert, bis er dem ersten ebenbürtig ist. Was beim Hinhören so simpel klingt, ist auf den zweiten Blick ein Drahtseilakt durch das technologische Zeitalter, in dem nicht zwei oder drei Disziplinen hinter einem Produkt stecken, sondern 15, 20 oder 40. "Unser Standortvorteil ist, dass wir in Deutschland wissen, warum Herstellungsprozesse funktionieren oder nicht", betont Lutz Oliver Schapp, der Geschäftsführer eines Exzellenzclusters, das sich mit speziellen Fragestellungen der Produktionstechnik von Hochlohnländern beschäftigt. "Dieses Wissen können andere Länder nicht einfach kopieren, auch wenn sie das bei den Produkten versuchen."

Exzellenzcluster, das sind riesige Konglomerate vieler miteinander verflochtener Einzeldisziplinen, dreimal größer als die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft üblicherweise vergebenen Sonderforschungsbereiche. Schapps Exzellenzcluster beschäftigt sich mit dem immer enger gewordenen Innovationsradius der Industriestaaten, während die Schwellenländer Asiens mit Riesenschritten die Märkte erobern. "Anstatt immer noch kleinere Details in den Produktionsabläufen optimieren zu wollen", sagt er, "müssen wir die Strukturen ändern, und zwar auf eine Weise, die nicht personalintensiv und teuer ist." Eine Möglichkeit dazu ist beispielsweise die Entwicklung von Robotern, die nicht nur einen ihnen antrainierten Bewegungsablauf beliebig oft wiederholen können, sondern auch noch lernen, selbst zu entscheiden, was gerade gebraucht wird. Wenn Produkte auf diese Weise kostengünstig individualisiert werden, könnte das den Hochlohnländern einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil gegenüber der Billigkonkurrenz mit ihrer günstigen Massenfertigung liefern.

Einen noch viel radikaleren Wandel der Produktionsstrukturen könnte zum Beispiel der "Street Scooter" vollziehen, ein Elektromobil der RWTH. Bislang fährt er nur durch die Köpfe seiner Erfinder, doch im Jahr 2020 soll er zu der bis dahin von der Bundesregierung angestrebten Million batteriebetriebener Fahrzeuge auf deutschen Straßen gehören.

"Die ideologische Debatte um die Frage, wie effizient Elektroautos sein können, geht von völlig falschen Voraussetzungen aus", sagt Energiespeicherexperte Dirk Uwe Sauer. "Es kann längerfristig nicht darum gehen, in einen für den Verbrennungsmotor gebauten Fahrzeugtyp lediglich einen neuen Antrieb einzubauen. Wir müssen das Auto völlig neu denken!"

Sauer, der sich an der RWTH vom Junior- zum ordentlichen Professor hochgearbeitet hat, freut sich, dass "sein" Thema, die alternativen Energien, nach jahrelangen Grabenkämpfen plötzlich so viel politischen Rückenwind erhält. Die Idee, ein Auto so zu konstruieren, dass es mit dem Überschussstrom in der Nacht oder der Energie aus Solar- und Windkraftanlagen an der Steckdose aufgeladen werden kann, erzwingt Neuerungen, die immer weitere nach sich ziehen. Das fängt mit der Konstruktion an: "Wir brauchen keine Antriebswelle, sondern setzen die vier Minimotoren direkt an die Räder", so Sauer. Wo kein Verbrennungsmotor ist, fehlt aber nicht nur die Abwärme (für Klimatisierung und Temperaturdämmung müssen neue Konstruktionen ersonnen werden), sondern auch die Motorhaube. Das eröffnet neue Möglichkeiten für das Design der Karosserie. Das Material? Vielleicht beschichtete Fasern - das klingt zwar nach Trabant, doch an der RWTH werden mit Hilfe von Fasergittern als Träger selbst wehrhafte Betonwände hochgezogen.

High-risk-high-gain-Ideen müssen angetestet werden

Fasern und Gewebe, das ist heute noch ein wichtiges Thema an der Hochschule, die 1870 als Polytechnikum vor allem entstanden war, um Nachwuchskräfte für die expandierende Textilindustrie zwischen Maas und Rhein auszubilden. Diese Industrie, die die Region reich machte, ist längst abgewandert in Billiglohnländer, doch die durch sie begründeten Technologien bleiben aktuell.

Auch in der Medizin. Das Aachener Universitätsklinikum, 1971 bis 1985 erbaut und berühmt wie berüchtigt wegen seiner gigantischen Ausmaße, liegt wie eine Festung in Sichtweite des Büros des Mediziners Stefan Jockenhövel, gleich dahinter das Dreiländereck mit der Grenze zu Belgien und den Niederlanden. Jockenhövel ist Herzchirurg, und sein Herz gehört vor allem der Technik. Er hat mit einer interdisziplinären Arbeitsgruppe ein Verfahren zur Züchtung künstlicher Herzklappen aus körpereigenem Material entwickelt. Es ist so neu, dass selbst die Zulassungsbehörden noch nicht genau wissen, nach welchen Verfahren sie diese neue Therapie prüfen werden. Herzklappen stammen üblicherweise von Schweinen (deren Gewebe so weit seiner biologischen Merkmale entkleidet wird, dass es vom Immunsystem nicht erkannt und abgestoßen wird) oder aus Karbon. Beide Verfahren sind nicht ideal. Die körperfremden Klappen verkalken und verlieren an Funktionstüchtigkeit oder erfordern eine lebenslange Blutverdünnung. Kinder, die herzkrank geboren werden - immerhin eines von tausend Babys - müssen überdies immer wieder neu operiert werden, weil ihr Herz mit ihnen wächst, aber die Klappen nicht. "Das wollen wir ändern", sagt Jockenhövel und führt einen Film vor, der zeigt, wie er aus dem Gewebe des Nabelschnurbluts eines Neugeborenen das Fibrin isoliert, jenen Stoff, der die Blutplättchen zusammenklebt, wenn Wunden verschorfen und heilen. Das Fibrin macht er in einer Art Spritzgussverfahren zu einer passgenauen natürlichen Matrix, in der er Zellen aus der Nabelschnur ansiedelt. In einem Bioreaktor, der Temperatur, Fluss und Druckverhältnisse stabilisiert, wächst das neue körpereigene Gewebe zusammen.

Auf ähnliche Weise könnten auch Gefäßprothesen (Bypass) oder biologische Herzschrittmacher entstehen. "Pathfinder-Projekte" heißen solche wagemutigen Explorationen in der RWTH, die über ein eigenes System von Seed-Funds, Geldern zur Weiterentwicklung von Ideen, finanziert werden. "Wir brauchen diese Möglichkeit, high-risk-high-game-Ideen anzutesten", sagt Jockenhövel. "Und wir brauchen den Campus, um Industriepartnern räumlich nah die Kooperation zu ermöglichen, etwa die biologischen Herzklappen zur klinischen Reife zu führen. Denn die wird man wohl kaum im Krankenhaus selbst zusammenbauen können. Also arbeiten wir auf ein Spin-Off-Unternehmen hin."

Spin-Offs sind spezielle Ausgründungen von Projekten, die zwar in den Forschungslaboren der RWTH entstanden sind, dann aber andere, nämlich wirtschaftliche Strukturen benötigen, um zur Blüte zu gelangen. Sie sollen einen Platz auf dem Campus finden, dem ganz großen Wurf des Change Managers Schuh, mit dem dieser viele seiner Ziele "mit einer Klappe", wie er sagt, verwirklichen möchte. Auf einer Fläche von rund 270 000 Quadratmetern in Aachen-Seffent/ Melaten sollen sich in einigen Jahren die bisherigen Räumlichkeiten der RWTH verdoppelt haben.

Das Investitionsvolumen beträgt bis zum Jahr 2050 die Riesensumme von rund 750 Millionen Euro. 19 Forschungscluster, 250 Technologieunternehmen, über 10 000 Mitarbeiter, eine eigene GmbH - die Superlative erzeugen Schwindel bei manchen Verantwortlichen an der Hochschule, und auch ein wenig Sorge angesichts der Weltwirtschaftskrise. Doch Günther Schuh ist sich sicher, dass nur der Campus die noch engere Vernetzung von Hochschulforschung und Industrie, von push and pull des notwendigen Wissenszuwachses, erreichen kann. "Wir haben ein Strategie-Audit gemacht", erzählt er. "Wir haben alle Voraussetzungen für leadership in Forschung und Lehre. Es fehlt uns nur eines: Platz!"

Ganz so simpel ist es nicht. Neben der Überzeugungskraft, die notwendig ist, um privates Kapital aufzubringen, arbeitet Schuh daran, die Spitzenunternehmen zu einer Mitarbeit zu bewegen, und zwar mindestens zwei aus jeder Branche, das bedeutet: auch die Konkurrenten. "Nur so können wir die Tiefe des Wissens mit der Breite der möglichen Anwendungen verknüpfen", sagt er und auch, dass die europäische Industrie nur noch in gemeinsamer Anstrengung gegenüber den Herausforderungen des Weltmarkts bestehen könne.

Professor Schuh wird es schon schaffen. Das denkt auch Rektor Ernst M. Schmachtenberg, vom Fach her Kunststoffexperte. Gerade kommt er aus einem Hörsaal, den Studenten besetzt halten, um, wie er findet, begründet gegen die Raumnot zu demonstrieren. "Dieses Land muss begreifen, dass Wissen unsere einzige Chance für die Zukunft ist", sagt er. Schon jetzt sei nicht klar, woher die Ingenieure kommen sollten, um die vielen drängenden Fragen rund um Klimawandel, Rohstoffknappheit oder Überbevölkerung zu klären: "Nur mit Technik lösen wir diese Fragen." Die Angst vor den Technikfolgen findet er unbegründet.

Ohne Risikofreude könnte Schmach-tenberg diese Uni wohl auch nicht leiten - die den ehrgeizigen Spagat zwischen rund 33 000 Studierenden und Eliteausbildung versucht, zwischen Industrie und Wissenschaft, zwischen der Region und der Welt. "Wir machen das ganz gelassen", sagt der Rektor und lächelt zufrieden. "Auf unsere rheinische Art!"

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Autor:
Petra Thorbrietz