Deutschland Die Eifel - unverfälscht und unheimlich

Wer zwischen Aachen, Mönchengladbach und Köln aufwächst, ist ja von drei Seiten durch Kultur- und Nutzlandschaften eingezwängt - platte Gegenden mit Pappeln, Rübenäckern und Autobahnkreuzen, die sich um das klaffendste Braunkohleloch der Welt entfalten. Einen Ausweg weist einzig der Süden, wo nach knapp einer Autostunde die Rohfassung einer kaum domestizierten Landschaft beginnt. Das Unverfälschte, das Unbeugsame und manchmal auch das Unheimliche, kurz: die Eifel.

Wenn wir etwas erfahren wollten, was uns aus dem Alltag hinausschleudert, war dies also die exklusive Option. Wir tankten unsere Kreidler oder den ersten gebrauchten Käfer voll und suchten uns irgendein Ziel, das wir manchmal sogar erreichten. Wichtiger als die vielen alten Burgen und Dörfer, Talsperren und Maare war damals das berauschende Gefühl, unterwegs in einer anderen Welt zu sein. Zusammen mit den Kumpels, lieber noch mit einer Susi oder Moni, die sich in den heftigeren Kurven an uns drückte.

Denn die Straßen sind hier öfter so wild wie die Gegend, in verlockend kühnen Schwüngen fräsen sie sich durch Schieferberge und vulkanisches Gestein. Das erhöht den Reiz für Mutwillige beträchtlich: endlich ein paar Chancen, den Hals zu riskieren. Doch bei Fehlern kennt dieser herbe Kosmos, in dem man noch in Frühlingsnächten erfrieren kann, kein Pardon. So erzählen die Holzkreuze an den Haarnadelkurven von einer unheiligen Liaison: Es geht nicht immer glimpflich aus, wenn Hasardeure auf Sonntagsfahrer prallen.

Heute bin ich manchmal selbst einer der Flaneure auf vier Rädern, hinter denen sich junge Motorradfahrer stauen. Jedes Frühjahr, wenn nur noch schmutzige Schneereste an den Hügelkuppen kleben, schwirren sie wieder mit großem Getöse aus - wie brummende Schwärme, die aus einem langen Winterschlaf erwacht sind. Und ich hänge mich an sie ran, so gut es eben geht, denn für überreizte Städter aus den Tiefebenen gibt es keinen besseren Fluchtpunkt als diesen.

Es ist ein Aufstieg, der ganz allmählich geschieht. Wenige Kilometer hinter Kornelimünster etwa steigt die B 258 Richtung Süden in mehreren schwungvollen Etappen zur "Himmelsleiter" an, wie man hier sagt. Was gerade noch völlig flach war, faltet sich jetzt auf zwei-, dreihundert Höhenmeter auf, bewachsen von dichten Fichtenwäldern. In hingeduckten Orten werden Ferienwohnungen und belgische Fritten angeboten, und spätestens hinter Roetgen fühlt man sich schon entrückt: Jenseits dieser Plateaus scheint die übrige Welt völlig ausgeblendet.

Hutzelig und verschroben

Hier, an der Grenze zu Belgien, liegt das nasskalte Vennland, das auch Monschauer Heckenland heißt und in die Rureifel führt. Die haushohen Buchenhecken, die Häuser und Höfe vor Schneewehen und dem Lärm der Pendler schützen, sind sein Markenzeichen. Sein unangefochtener Star aber ist Monschau. Eingekeilt zwischen die Steilhänge der rauschenden Rur, hat sich zu Füßen einer Burgruine ein barocker Ortskern erhalten, der mit seinen Schieferwänden und Fachwerkhäusern eine Armada von internationalen Tagestouristen anzieht.

Dieses Ensemble ist das Werk protestantischer Flüchtlinge, die in den Jahren vor dem Dreißigjährigen Krieg aus Aachen vertrieben wurden. Sie und ihre Nachfahren machten Montjoie, wie Monschau noch bis 1918 hieß, zur Hochburg einer in ganz Europa gefragten Tuchindustrie. Bis heute steht der Schmitzenhof dort am Fluss, wo der Fabrikant Arnold Schmitz im 17. Jahrhundert das erste Wolle-Imperium begründete. Noch imposanter hält, wo der Laufenbach in die Rur mündet, das 1768 vollendete "Rote Haus" Hof. Diesen Wohn- und Geschäftssitz ließ Johann Heinrich Scheibler errichten, dessen "Fabrique" etwa 4000 Menschen ernährte. Die Gewinne steckte er in stilvolles Rokoko-Interieur.

Statiker können rätseln, warum die sich frei über drei Geschosse schwingende Eichenholztreppe in dem Doppelhaus entgegen jeder Wahrscheinlichkeit nicht einstürzt. Die Besucher aber sind in erster Linie von den aufwendigen Bildkartuschen am Geländer entzückt, die auch Arbeitsschritte der Weberei darstellen. So trägt das von einer Stiftung getragene Anwesen zu dem historischen Parcours bei, der von einer 150-jährigen "Caffee-Rösterei" bis zu der intakten Senfmühle reicht.

Es ist das Altbackene, Hutzelige und Verschrobene, das die Besucher in diese Breiten lockt. Man kann sich zum Beispiel auch über die B 56 und Düren in den Süden aufmachen, so wie wir damals, um gleich hinter Frangenheim nach Nideggen abzubiegen. Der ganze Ort scheint an dem massiven Sockel zu kleben, auf dem die gut erhaltenen Reste einer mächtigen Burgbefestigung prangen. Und beinahe jedes Haus rund um den historischen Markt ist aus dem von Lavaspuren geprägten, rostroten Natursandstein der Gegend gebaut.

"Eijentlich sin mer aber noch VOREIFEL", sagt die ergraute Bedienung, die im Café am Markt eine Tasse Ochsenschwanzsuppe kredenzt. Nicht anders kenne ich das: Immer grenzen sich die Einwohner vom Nächstliegenden ab und bestehen darauf, eher aus dem nördlicheren Teil ihrer Bezirks bzw. aus dem unteren Teil ihres Kaffs zu sein. Was auch heißt, dass sie über alles andere nichts sagen können - eijentlich.

Die Rureifel fängt so richtig erst dort an, wo eine kleine Bahnlinie aus Düren an ihr Ende kommt. Luftkurort Heimbach: Niedrige Häuser ducken sich an der abfallenden Hauptstaße an schmale Bürgersteige, bis sich im Zentrum ein grünes Flußtal entfaltet, überragt von der restaurierten Burg Hengebach. Von hier aus ist gut aufbrechen für Wanderer, Mountainbiker und Kanuten. Fast versteckt das Jugendstil-Wasserkraftwerk von 1905, umfunktioniert der alte Bahnhof: Er ist jetzt eines von fünf Info-Toren, die mit moderner Technik und Didaktik in den Nationalpark Eifel führen.

Forelle für die Spiesser

Auf 110 Quadratkilometern erstreckt sich das weitläufige Schutzgebiet, in dem sich naturnahe Eichen- und Buchenmischwälder sowie offenes Grasland ohne menschliche Eingriffe entwickeln sollen - belebt von Bibern und Schwarzstörchen, Schwarzen und Roten Milanen, Eisvögeln, Wildkatzen und tausend seltenen Pflanzenarten. Die Touren mit mehrsprachigen Guides und Rangern, die mit ihren Hüten an kanadische Wildnis erinnern, führen durch den dichten, ausgedehnten Kermeter-Hochwald oder über die luftige Dreiborner Höhe. Und locken immer mehr Besucher an: Über 200.000 finden sich übers Jahr allein an den Nationalpark-Toren ein.

Da unten in Rurberg aber, wo Urft und Rur zu einem weitläufigen, mehrfach gestauten Großsee zusammenfließen, murren zwei belgische Brüder über die neue Zeit. Schon seit 40 Jahren kommen die beiden Flamen zum Rurstausee, wo man im Sommer baden und mit dem Boot fahren kann - Rursee, Obersee, Urftsee. Aber längst nicht mehr zum Angeln, wie sie mit anklagendem Unterton versichern: Seit sich die Reiher im Nationalpark so stark vermehrten, hätten menschliche Fischer kaum noch Erfolgschancen.

Wir fanden Angeln immer langweilig in jenen Tagen, wo alles möglichst rasant sein sollte. Und die "Forelle Müllerin", die es an jeder Ecke gibt, war natürlich was für Spießer. Jetzt aber lasse ich mich von der Stille, die sich mit Saisonende über die Eifeler Seenplatte legt, gern verwöhnen. Der Fisch und das Gulasch von hier erlegten Wildschweinen schmecken genau genommen am besten, wenn die Ufer wieder unter einer hellen Eisschicht liegen und die tiefe Sonne durch den Rauhreif blinkt - auch wenn dann zwei von drei Hotels und Pensionen zwischen Schwammenauel und Einruhr geschlossen sind.

Unterhalb der Stauseen kommt allerdings nur wenig, was zu längerer Einkehr zwingt - abgesehen von dem allzeit rausgeputzten Bad Münstereifel im Osten. Das stille Gemünd: ein kleiner Kneipp-Kurort, wo es noch einige Spuren von Eisenverhüttung gibt und einen Wanderpfad auf den uralten Wegen der Köhler. Das artige, aber leider etwas ausdrucksarme Kall: Mini-Knotenpunkt an der römischen Trinkwasserleitung nach Köln sowie Ausgangspunkt zum montanhistorischen Pingenwanderpfad. Oder das einstige Bergbaustädtchen Mechernich, auf dessen Gebiet sechs Burgen liegen; oder Schleiden mit seinem alles überragenden Schloss.

Nahe Schleiden wäre man als Wanderer schon auf der fünften Etappe des schönen, landschaftlich abwechslungsreichen Eifelsteigs, der von Kornelimünster 313 Kilometer weit bis nach Trier führt. Es sind weniger die einzelnen Orte, die den Reiz ausmachen, als vielmehr die Summe ihrer Sehenswürdigkeiten. So kann der Durchreisende die Kaffeepausen mit der steten Abfolge der Talsperren und Burgbefestigungen, Schlösser und Abteien synchronisieren: Reifferscheid, Kronenburg, Hellenthal, Maria Frieden. Eine durchgehende Idylle aber ist das nicht. Was tagsüber beim Vorbeifahren schön entrückt aussieht, kann an düsteren Abenden einfach nur vergessen wirken. Dann liegen Dörfer, Weiher und Höfe wie Treibgut auf den Höhen, und die einzige Regung kommt vom oft erbarmungslosen Wind.

Das Ärmliche und das Unheimliche vertragen sich in diesen Winkeln gut, schon aus Tradition. Hier kann man sich mühelos all die Morde vorstellen, die sich in der Südeifel gleich mehrere Krimiautoren ausdenken. Aber auch jene unblutigen, etwas melancholischen Geschichten, die der zeitgenössische Romancier Norbert Scheuer verfasst. In seinen Romanen und Erzählungen sind die Ureinwohner eher verschrobene Überlebende als strahlende Gewinner - gerissene Fliegenfischer, zum Beispiel, und doch nicht recht für das bürgerliche Glück gemacht. Da zeigt sich die Gegend in ihrer literarischen Spiegelung als Rückzugsgebiet: So mancher, der hier gründelt, möchte sich dem Mainstream eher entziehen.

Solche haben wir damals auch getroffen, wenn wir aus dem behüteten Norden einfielen. Und sie werden gottlob bis heute nicht weniger, je weiter man in Richtung Schnee-Eifel und Rheinland-Pfalz nach Süden vordringt - Blankenheim, Gerolstein und die vulkanischen Dauner Maare. Aber das ist schon wieder eine andere Gegend, über die wir jetzt nichts sagen können - eijentlich.

 

Schlagworte:
Quelle:
Autor:
Bertram Job